Eine neue longitudinale Studie im Fachjournal Nature liefert erstmals umfassende Belege dafür, dass eine schwere COVID-19-Erkrankung bei immunkompetenten Menschen chronische, eigentlich ruhende Viren reaktivieren kann, darunter Herpesviren und Anelloviren, und dass diese virale Aktivität teilweise weit über die akute Infektionsphase hinaus bestehen bleibt, was Forschende künftig als möglichen Biomarker für Long-COVID-Verläufe mit körperlichen Beeinträchtigungen nutzen könnten.
Was die Studie untersucht hat
Ein internationales Forschungsteam wertete Daten von 1.154 hospitalisierten COVID-19-Patientinnen und -Patienten aus der IMPACC-Kohorte (Immunophenotyping Assessment in a COVID-19 Cohort) aus. Die Datenerhebung erfolgte zwischen Mai 2020 und März 2021, also vor Einführung der COVID-19-Impfstoffe; keine der teilnehmenden Personen war zu Studienbeginn geimpft.
Mittels latenter Klassenmischmodelle teilten die Forschenden die Teilnehmenden anhand ihres respiratorischen Verlaufs in den ersten vier Wochen in fünf Schweregrad-Gruppen ein. Diese Gruppen unterschieden sich deutlich in der Dauer des Krankenhausaufenthalts.
Methodik im Überblick
- Bulk-RNA-Sequenzierung aus Nasenabstrichen, endotrachealen Aspiraten und peripheren mononukleären Blutzellen (PBMC)
- Bis zu zehn Untersuchungstermine über zwölf Monate nach der Krankenhausaufnahme
- Zusätzliche Analysen: Massenspektrometrie-basierte Proteomik und Metabolomik, CyTOF-Immunphänotypisierung sowie Zytokinprofile mittels Proximity-Extension-Assay
Diese Kombination erlaubte es, aktiv replizierende virale Transkripte zu erfassen statt lediglich Antikörpertiter zu messen, wie es frühere, meist kleinere Studien getan hatten.
Welche Viren reaktivierten
Neben SARS-CoV-2 selbst, dem am häufigsten nachgewiesenen Erreger, identifizierten die Forschenden mehrere weitere Viren in den Probenmaterialien:
- Herpes-simplex-Virus 1 und 2 (HSV1, HSV2)
- Humanes Herpesvirus 6 (HHV6)
- Cytomegalievirus (CMV)
- Epstein-Barr-Virus (EBV)
- Anelloviren
- Enteroviren
Innerhalb der ersten 40 Tage der Hospitalisierung traten HSV1, CMV und EBV besonders häufig auf; ihr Nachweis nahm etwa zwei Monate nach der Aufnahme deutlich ab. EBV-Transkripte wurden bereits in der ersten Woche in PBMC-Proben nachgewiesen und nahmen danach allmählich ab. Anelloviren blieben dagegen bis etwa zum 20. Tag nahezu konstant nachweisbar und gingen erst danach langsam zurück. CMV und HSV1 traten vor allem später im Krankheitsverlauf in respiratorischen Proben auf.
Diese Muster wiederholten sich weitgehend in einem unabhängigen COVID-19-Sequenzierungsdatensatz, der zur externen Validierung herangezogen wurde, was die Robustheit der Ergebnisse unterstreicht.
Zusammenhang mit Krankheitsschwere und Sterblichkeit
Die Virusreaktivierung korrelierte deutlich mit dem Schweregrad der SARS-CoV-2-Infektion. Bei kritisch kranken Patientinnen und Patienten mit einer Krankenhausaufenthaltsdauer von mehr als 28 Tagen war der Nachweis von CMV-Transkripten in respiratorischen Proben sowie von EBV- oder HSV1-Transkripten in Nasenproben mit einer erhöhten Sterblichkeit innerhalb eines Jahres assoziiert.
Anelloviren-Konzentrationen in PBMC-Proben waren häufiger bei älteren Menschen sowie bei Personen mit vorheriger Organtransplantation, Myokardinfarkt, Schock, Intensivstationsaufenthalt oder immunsuppressiver Medikation nachweisbar. Bemerkenswert: Nur 17,4 Prozent der Anellovirus-positiven Teilnehmenden nahmen tatsächlich immunsuppressive Medikamente ein, was zeigt, dass die Reaktivierung auch bei Menschen ohne klassische Immunschwäche auftritt.
Die klinischen Assoziationen unterschieden sich je nach Virus und Probenmaterial. In Nasenproben war CMV mit Pneumothorax verbunden, während EBV und HSV1 mit schweren Komplikationen wie Intensivpflege, Schock und akuter venöser Thromboembolie einhergingen. In Blutzellen (PBMC) zeigten CMV und EBV Zusammenhänge mit renalen, vaskulären, infektiösen und hepatischen Komplikationen.
Molekulare Signaturen der Reaktivierung
Die Multi-Omics-Analysen deckten gemeinsame Stoffwechsel- und Entzündungsmuster auf. Anelloviren, HSV1, CMV und EBV zeigten übereinstimmend reduzierte Werte von 6-Bromtryptophan und S-Methylcystein-Sulfoxid. Zudem waren mehrere der reaktivierten Viren mit überlappenden proinflammatorischen Zytokinreaktionen verknüpft.
Der Nachweis von EBV in Nasenproben und CMV in PBMC-Proben ging außerdem mit erhöhten Anteilen aktivierter CD4+- und CD8+-T-Zellen einher, ein Hinweis auf eine begleitende Immunaktivierung.
Anelloviren als möglicher Marker für Long COVID
Während der akuten Erkrankungsphase zeigte die Virusreaktivierung keinen signifikanten Zusammenhang mit den erfassten Long-COVID-Symptomgruppen. In der Rekonvaleszenzphase änderte sich dies jedoch: Anellovirus-Transkripte traten signifikant häufiger bei Teilnehmenden auf, die der Gruppe mit körperlichen Beeinträchtigungen zugeordnet wurden. Dieser Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung von Geschlecht, Alter, immunsuppressiver Medikation und der Schwere der akuten Erkrankung bestehen.
Die Forschenden weisen jedoch ausdrücklich darauf hin, dass ein statistischer Zusammenhang keine Kausalität belegt. Ob die anhaltende Virusaktivität tatsächlich zu den körperlichen Symptomen beiträgt oder lediglich ein Begleitphänomen darstellt, bleibt offen.
Einordnung und Grenzen der Studie
Die Ergebnisse stellen die bisherige Annahme infrage, wonach eine chronische Virusreaktivierung vorwiegend bei immungeschwächten Personen auftritt. Stattdessen deuten sie darauf hin, dass schwere Infektionsverläufe generell, auch bei sonst gesunden Menschen, das Immunsystem so belasten können, dass latente Viren aktiv werden.
Einige wichtige Einschränkungen sind zu beachten:
- Alle Teilnehmenden waren ungeimpft und hospitalisiert, was die Übertragbarkeit auf geimpfte Personen oder milde Verläufe einschränkt.
- Die Studie erfasste vor allem die ursprünglichen SARS-CoV-2-Varianten, nicht die aktuell zirkulierenden Varianten.
- Die verwendeten Fragebögen zu Long-COVID-Symptomen stammen aus der Frühphase der Pandemie und bilden möglicherweise nicht alle heute bekannten Symptomkomplexe ab.
Die Autorinnen und Autoren betonen, dass künftige Studien kausale Zusammenhänge zwischen Virusreaktivierung und klinischen Verläufen prüfen sollten, ebenso wie mögliche Zusammenhänge zwischen viralen Transkripten und Antikörpertitern bei geimpften Personen mit milderen Infektionen.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Praktische Bedeutung für die klinische Praxis
Sollten sich die Ergebnisse in weiteren Studien bestätigen, könnten etablierte quantitative PCR-Tests (qPCR) für chronische Viren künftig zur Überwachung von COVID-19-Patientinnen und -Patienten eingesetzt werden. Konkrete klinische Protokolle dafür existieren derzeit jedoch noch nicht.
Für Ärztinnen, Ärzte und Pflegepersonal könnte dies langfristig bedeuten:
- Gezieltere Risikostratifizierung bei schwer erkrankten COVID-19-Patienten anhand viraler Reaktivierungsmuster
- Engmaschigere Überwachung von Risikogruppen, etwa älteren Menschen oder Personen mit Vorerkrankungen
- Möglicher Ansatzpunkt für individualisierte Nachsorgekonzepte bei Long-COVID-Verdacht
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Warum wurden gerade Herpesviren und Anelloviren untersucht und nicht andere Virusfamilien?
Herpesviren wie EBV, CMV und HSV sind dafür bekannt, nach einer Erstinfektion lebenslang latent im Körper zu verbleiben und bei Immunstress reaktivieren zu können. Anelloviren wiederum gelten als nahezu universell im menschlichen Körper vorhanden und werden in der Forschung bereits als Indikator für die Gesamtaktivität des Immunsystems genutzt, weshalb sich beide Gruppen besonders für diese Fragestellung eigneten.
Wie wurde zwischen einer echten Reaktivierung und einer Neuinfektion unterschieden?
Die Forschenden werteten aktiv replizierende virale RNA-Transkripte aus, nicht nur den bloßen Nachweis viraler DNA. Da es sich bei den untersuchten Viren um Erreger handelt, die in der erwachsenen Bevölkerung ohnehin weit verbreitet sind, deutet der Nachweis aktiver Transkription typischerweise auf eine Reaktivierung eines bereits vorhandenen, latenten Virus hin und nicht auf eine neue Infektion.
Warum reagierten manche Organsysteme stärker als andere?
Die Studie zeigte unterschiedliche Muster je nach Probenmaterial: In Nasenproben standen EBV und HSV1 eher mit Komplikationen wie Schock oder Thrombosen in Verbindung, während CMV und EBV im Blut eher mit renalen, vaskulären und hepatischen Problemen assoziiert waren. Dies deutet darauf hin, dass unterschiedliche Viren bevorzugt in bestimmten Gewebekompartimenten reaktivieren und dort lokal unterschiedliche Auswirkungen haben.
Spielte das Alter der Betroffenen eine besondere Rolle?
Ja, insbesondere bei Anelloviren. Höhere Anellovirus-Konzentrationen in den Blutzellen traten häufiger bei älteren Erwachsenen auf, was mit der bekannten altersbedingten Abschwächung der Immunkontrolle übereinstimmt, auch unabhängig von COVID-19.
Kann eine Grippeimpfung oder andere Routineimpfung das Risiko einer Virusreaktivierung während COVID-19 beeinflussen? Dazu liefert die Studie keine Daten, da sie sich ausschließlich auf die Reaktivierung chronischer Viren im Zusammenhang mit SARS-CoV-2-Infektionen konzentrierte und andere Impfungen nicht untersuchte. Ich kann das nicht bestätigen.
Welche nächsten Forschungsschritte planen die Studienautoren konkret?
Die Autorinnen und Autoren kündigen an, künftig gezielt kausale Zusammenhänge zwischen Virusreaktivierung und klinischen Verläufen zu untersuchen. Zudem wollen sie prüfen, ob sich die beobachteten Muster auch bei geimpften Personen mit milderen Verläufen sowie bei Infektionen mit neueren SARS-CoV-2-Varianten zeigen, da die aktuelle Kohorte ausschließlich ungeimpfte, hospitalisierte Patientinnen und Patienten aus der frühen Pandemiephase umfasste.
Quellen
Maguire, C., Chen, J., Rouphael, N., et al. (2026). Virus reactivation in acute and long COVID-19. Nature. https://doi.org/10.1038/s41586-026-10740-z
Toshniwal Paharia, P. (2026, August 7). Severe COVID-19 reactivates dormant viruses and may leave a lasting viral signature. News-Medical. https://www.news-medical.net/news/20260807/Severe-COVID-19-reactivates-dormant-viruses-and-may-leave-a-lasting-viral-signature.aspx






