Ultra-processed Food vor der Empfängnis: Männer verlieren Fruchtbarkeit

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M.A. Dirk de Pol, aktualisiert am 26. März 2026, Lesezeit: 7 Minuten

Eine aktuelle prospektive Kohortenstudie aus den Niederlanden zeigt, dass der Verzehr ultraverarbeiteter Lebensmittel in der Zeit um die Empfängnis herum geschlechtsspezifische Effekte auf die Fruchtbarkeit sowie auf das frühe Embryowachstum ausüben kann, wobei höhere Aufnahmemengen bei Männern mit einer reduzierten Fekundabilität und einem erhöhten Subfertilitätsrisiko einhergehen und bei Frauen begrenzte inverse Assoziationen mit dem Embryonalwachstum in der siebten Schwangerschaftswoche erkennbar sind.

Hintergrund: Die Rolle ultraverarbeiteter Lebensmittel in der reproduktiven Gesundheit

Ultraverarbeitete Lebensmittel (UPFs) zeichnen sich durch industrielle Herstellung, hohen Gehalt an Zucker, Salz, ungesunden Fetten und Zusatzstoffen aus und machen in manchen hochentwickelten Ländern bis zu 60 Prozent der täglichen Energiezufuhr aus. Die perikonzeptionelle Phase – also die Zeit unmittelbar vor und um die Empfängnis – stellt ein kritisches Fenster dar, in dem Ernährungsfaktoren die embryonale Entwicklung nachhaltig prägen können.

Schnelles Embryonalwachstum gilt als Marker für eine gesunde Entwicklung, während Beeinträchtigungen das Risiko für niedriges Geburtsgewicht, Frühgeburtlichkeit und spätere kardiovaskuläre Erkrankungen im Kindesalter erhöhen. Die Studie untersucht erstmals die kombinierten Effekte elterlicher UPF-Aufnahme auf Fruchtbarkeit und frühe Embryonalentwicklung.

Methodik der Generation R Next Studie

Die Untersuchung ist Teil der Generation R Next Studie, einer populationsbasierten prospektiven Kohortenstudie, die bereits vor der Konzeption beginnt und bis ins Kindesalter reicht. Für die Fruchtbarkeitsanalysen wurden 831 Frauen und 651 männliche Partner randomisiert aus der größeren Kohorte ausgewählt; für die Embryonalwachstumsanalysen standen Daten von 704 Frauen und 537 männlichen Partnern zur Verfügung. Alle Teilnehmenden planten eine Schwangerschaft oder waren bereits schwanger.

Die Ernährungsdaten wurden mittels eines Food-Frequency-Fragebogens erhoben, der zu einem Median von 12 Schwangerschaftswochen ausgefüllt wurde und somit die perikonzeptionelle Ernährung abbildet. Die Klassifikation der ultraverarbeiteten Lebensmittel erfolgte nach dem NOVA-System; die Aufnahme wurde als Anteil an der gesamten Nahrungsmenge ausgedrückt.

Fruchtbarkeitsindikatoren umfassten die Zeit bis zur Schwangerschaft, die Konzeptionsart, die Fekundabilität (Wahrscheinlichkeit einer Konzeption innerhalb eines Monats) sowie Subfertilität (mehr als 12 Monate bis zur Konzeption oder Nutzung assistierter Reproduktionstechniken). Das Embryonalwachstum wurde mittels transvaginaler Ultraschalluntersuchungen in der 7., 9. und 11. Schwangerschaftswoche erfasst; gemessen wurden die Scheitel-Steiß-Länge (CRL) und das Dottersackvolumen.

Ergebnisse zur mütterlichen Aufnahme von ultraverarbeiteten Lebensmitteln

Die mediane UPF-Aufnahme lag bei Frauen bei 22 Prozent der gesamten Nahrungsaufnahme, entsprechend 563 Gramm pro Tag. Es zeigte sich keine Assoziation zwischen mütterlicher UPF-Aufnahme und der Fekundabilität. Lediglich im dritten Quartil der Aufnahme war ein erhöhtes Subfertilitätsrisiko feststellbar, ohne dass ein klarer Dosis-Wirkungs-Zusammenhang erkennbar wurde.

Bei der Embryonalentwicklung ergab sich eine Reduktion der Scheitel-Steiß-Länge in der 7. Schwangerschaftswoche über den gesamten Bereich zunehmender mütterlicher UPF-Aufnahme; quartilspezifische Vergleiche bestätigten dies jedoch nicht eindeutig. Das Dottersackvolumen war im vierten Quartil im Vergleich zum ersten Quartil sowie über den gesamten Bereich in der 7. Schwangerschaftswoche kleiner, nicht jedoch zu späteren Zeitpunkten. Alle Analysen wurden für Störfaktoren wie Substanzkonsum, Folsäure-Supplementation, Übelkeit, Body-Mass-Index, Bildungsstand, Ethnizität und Alter adjustiert.

Ergebnisse zur väterlichen Aufnahme von ultraverarbeiteten Lebensmitteln

Bei Männern betrug die mediane UPF-Aufnahme 25 Prozent der gesamten Nahrungsmenge, entsprechend 643 Gramm pro Tag. Höhere väterliche UPF-Aufnahme war mit einer reduzierten Fekundabilität assoziiert – konkret um 10 Prozent pro Standardabweichungserhöhung – sowie mit einem erhöhten Subfertilitätsrisiko über den gesamten Bereich. Quartilspezifische Analysen zeigten diesen Zusammenhang nicht konsistent.

Hinsichtlich des Embryonalwachstums waren der zweite und dritte Quartil der väterlichen Aufnahme mit einer größeren Scheitel-Steiß-Länge in der 9. Schwangerschaftswoche verbunden; nicht-quartilsbasierte Analysen sowie Untersuchungen zum Dottersackvolumen ergaben jedoch keine konsistenten Effekte. Die UPF-Aufnahme innerhalb von Paaren korrelierte nicht mit den untersuchten Outcomes; die geringe Anzahl hochbelasteter Paare (nur 12 Prozent) schränkte allerdings die statistische Aussagekraft ein.

Mögliche biologische Mechanismen hinter den beobachteten Effekten

Die Assoziationen blieben auch nach Adjustierung für Lebensstil-, sozioökonomische und demografische Faktoren sowie für die jeweilige partnerseitige UPF-Aufnahme bestehen und traten bereits bei relativ moderaten Aufnahmemengen auf. Die Autoren diskutieren oxidative Stress durch die nährstoffarme Zusammensetzung von UPFs als potenziellen Faktor, der bei Männern zu erhöhten Testosteronspiegeln und mitochondrialer Dysfunktion mit Beeinträchtigung der Spermienmotilität führen könnte.

Zusätzlich könnten endokrine Disruptoren wie Phthalate aus der Verpackung von UPFs die männliche Fruchtbarkeit sowie Gene beeinflussen, die für die Dottersackfunktion relevant sind. Dies würde die Nährstoffproduktion und den Transport zum Embryo stören. Bestimmte UPF-Untergruppen wie künstlich gesüßte Getränke oder verarbeitetes Fleisch zeigen konsistente negative Gesundheitseffekte, während Brot und Getreideprodukte – die in dieser Studie einen großen Anteil ausmachten – weniger problematisch erscheinen.

Limitationen und Interpretationshinweise

Die Studie umfasste eine gesunde Population, was die Generalisierbarkeit auf Risikogruppen mit hoher Subfertilität oder Komplikationen einschränkt. Als Beobachtungsstudie kann sie keine Kausalität beweisen; randomisierte kontrollierte Studien in diversen Populationen sind daher erforderlich.

Zudem bestand eine Selektionsverzerrung: Die Ernährungserhebung erfolgte in der Frühschwangerschaft, sodass nur Paare mit eingetretener Konzeption eingeschlossen wurden. Die Subfertilitätsrate in der Studienpopulation lag höher als in der Allgemeinbevölkerung erwartet. Befunde zu späteren Schwangerschaftswochen sind explorativ und sollten vorsichtig interpretiert werden.

Implikationen für zukünftige Forschung und reproduktive Beratung

Die geschlechtsspezifischen Effekte – mütterliche UPF-Aufnahme primär mit frühem Embryonalwachstum assoziiert, väterliche Aufnahme mit Fruchtbarkeitsmerkmalen – unterstreichen die Notwendigkeit, beide Partner in die präkonzeptionelle Ernährungsberatung einzubeziehen. Weitere Längsschnittstudien sind erforderlich, um die Ergebnisse zu validieren, zugrunde liegende Mechanismen aufzuklären und Auswirkungen auf Geburtsoutcomes sowie die langfristige Gesundheit des Nachwuchses zu untersuchen.

Solche Erkenntnisse könnten öffentliche Gesundheitsstrategien und die pränatale Versorgung nachhaltig beeinflussen, indem sie den Fokus auf eine Reduktion industriell verarbeiteter Nahrung in der Familienplanungsphase legen.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was bedeutet der Begriff „perikonzeptionelle Phase“ genau? Die perikonzeptionelle Phase umfasst die Wochen unmittelbar vor und nach der Befruchtung; sie ist entscheidend, weil epigenetische Veränderungen durch Ernährung hier besonders wirksam werden und langfristige Programmierungseffekte auf die kindliche Gesundheit auslösen können.

Warum zeigen die Effekte von UPFs geschlechtsspezifische Unterschiede? Männliche Keimzellen sind durch kontinuierliche Spermienproduktion anfälliger für oxidative Schäden, während bei Frauen der Einfluss eher über die uterinen und plazentaren Umgebungsbedingungen auf den frühen Embryo wirkt; dies erklärt die getrennten Muster bei Fruchtbarkeit versus Embryonalwachstum.

Sind alle ultraverarbeiteten Lebensmittel gleich schädlich? Nein, die Studie deutet an, dass Untergruppen wie verarbeitetes Fleisch oder gesüßte Getränke stärkere Risiken bergen, während Brot und Cerealien – trotz NOVA-Klassifikation – keine vergleichbaren negativen Assoziationen zeigten; eine differenzierte Betrachtung ist daher sinnvoll.

Können Paare durch Ernährungsumstellung vor der Familienplanung profitieren? Die Ergebnisse legen nahe, dass eine Senkung des UPF-Anteils bereits in der Planungsphase sinnvoll sein kann, auch wenn randomisierte Studien noch ausstehen; eine ausgewogene, nährstoffreiche Ernährung mit frischen Zutaten unterstützt generell die reproduktive Gesundheit beider Partner.

Welche weiteren Faktoren sollten in der präkonzeptionellen Beratung berücksichtigt werden? Neben UPF-Reduktion spielen Folsäure-Supplementation, Vermeidung von Substanzen und ein gesundes Körpergewicht eine zentrale Rolle; die Studie unterstreicht zudem die Einbeziehung beider Partner, da väterliche Faktoren bisher oft unterschätzt werden.

Wie aussagekräftig sind die Ergebnisse für die Allgemeinbevölkerung? Die Kohorte war relativ gesund und europäisch geprägt; in ethnisch diversen oder sozioökonomisch benachteiligten Gruppen könnten die Effekte stärker oder anders ausgeprägt sein, weshalb breitere Studien notwendig sind.

Quellen

Lin, C. H. X., Gaillard, R., Mulders, A. G. M. G. J., et al. (2026). Periconceptional ultra-processed food consumption in women and men, fertility, and early embryonic development. Human Reproduction. https://doi.org/10.1093/humrep/deag023

News-Medical. (2026, 26. März). UPFs before conception may shape fertility and embryo growth. https://www.news-medical.net/news/20260326/UPFs-before-conception-may-shape-fertility-and-embryo-growth.aspx

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