Romantische Indifferenz, definiert als der gleichzeitige Mangel an starken positiven und negativen Bewertungen gegenüber dem Partner und damit ein Zustand emotionaler Neutralität, der weder Liebe noch Frustration, weder Aufregung noch Ärger umfasst, erweist sich in einer umfassenden Untersuchung mit insgesamt 2.490 Teilnehmern in romantischen Beziehungen als signifikanter Risikofaktor für die Beziehungsqualität und das persönliche Wohlbefinden, da sie mit erhöhter relationaler Langeweile, reduzierter Intimität und einem gesteigerten Verlangen nach attraktiven Alternativen einhergeht, was wiederum zu niedrigerer Beziehungszufriedenheit, geringerem Vertrauen, häufigeren Trennungsgedanken, reduzierter Lebenszufriedenheit sowie erhöhtem Stress und depressiven Symptomen führt – und dies sowohl in Querschnitt- als auch in Längsschnittanalysen über drei Jahre hinweg.
ÜBERSICHT
- 1 Definition und Häufigkeit von romantischer Indifferenz
- 2 Die zugrunde liegende Studie: Methode und Stichproben
- 3 Querschnittsergebnisse: Direkte Zusammenhänge mit Wohlbefinden
- 4 Mechanismen der Schädigung: Langeweile, Intimität und schweifender Blick
- 5 Längsschnittbefunde über drei Jahre
- 6 Erkennung und praktische Hinweise für Betroffene
- 7 Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Definition und Häufigkeit von romantischer Indifferenz
Romantische Indifferenz beschreibt einen evaluativen Zustand, in dem weder positive noch negative Gefühle gegenüber dem Partner dominieren. Im Gegensatz zu ambivalenten Beziehungen, in denen positive und negative Emotionen gleichzeitig stark ausgeprägt sind, kennzeichnet Indifferenz eine emotionale Leere. Frühere Untersuchungen berichten, dass zwischen 8 und 12 Prozent der Befragten (Hsieh & Hawkley, 2018), 11 bis 18 Prozent (Windsor & Butterworth, 2010) oder sogar 15 bis 22 Prozent (Fincham & Linfield, 1997) eine solche Indifferenz gegenüber ihrem Partner erleben.
Die Forscher entwickelten und validierten hierzu die Subjective Interpersonal Indifference Scale, eine acht Items umfassende Skala mit hoher Reliabilität (Cronbachs Alpha zwischen 0,92 und 0,93). Typische Aussagen lauten: „Ich empfinde keinerlei starke Emotionen gegenüber meinem Partner (weder positiv noch negativ)“. Die Mittelwerte in den Stichproben lagen bei 1,81 (Studie 1) beziehungsweise 2,50 (Studie 2) auf einer siebenstufigen Skala.
Die zugrunde liegende Studie: Methode und Stichproben
Die Untersuchung „Just Not That Into You: Experiences of Indifference Toward a Romantic Partner“ umfasst vier Studien und wurde von Mirna Đurić, Francesca Righetti, Giulia Zoppolat und Iris K. Schneider durchgeführt. Insgesamt nahmen 2.490 Personen in romantischen Beziehungen teil; alle Studien kontrollierten für allgemeine Partnerabwertung, um sicherzustellen, dass Indifferenz eigenständige Effekte zeigt.
Studie 1 umfasste 591 Teilnehmer (57,4 % Frauen, Durchschnittsalter 43,9 Jahre, durchschnittliche Beziehungsdauer 186,6 Monate). Studie 2 umfasste 980 Teilnehmer (60,0 % Frauen, Durchschnittsalter 42,4 Jahre, Beziehungsdauer 179,6 Monate). Studie 3 folgte 360 Personen (51,7 % Frauen, Durchschnittsalter 38,7 Jahre) über drei Jahre hinweg mit Messungen alle sechs Monate. Alle Erhebungen erfolgten online; die Skalen erfassten Beziehungszufriedenheit, Commitment, Vertrauen, Trennungsgedanken, Lebenszufriedenheit, Stress und Depression (DASS-21).
Querschnittsergebnisse: Direkte Zusammenhänge mit Wohlbefinden
In Studie 1 zeigte sich ein klarer Zusammenhang: Höhere Indifferenz war mit geringerer Beziehungszufriedenheit assoziiert (b = −0,31, SE = 0,04, t = −7,05, p < 0,001), geringerem Commitment (b = −0,14, SE = 0,04, t = −3,72, p < 0,001) und geringerem Vertrauen (b = −0,20, SE = 0,05, t = −4,23, p < 0,001). Gleichzeitig stiegen Trennungsgedanken (b = 0,18, SE = 0,05, t = 3,44, p < 0,001) und Lebenszufriedenheit sank (b = −0,16, SE = 0,08, t = −2,06, p = 0,039). Stress blieb unbeeinflusst.
Studie 2 bestätigte diese Muster und ergänzte: Indifferenz korrelierte mit höherer Depression (b = 0,12, SE = 0,03, t = 4,81, p < 0,001) und höherem Stress (b = 0,08, SE = 0,03, t = 2,52, p = 0,012). Alle Effekte blieben signifikant, selbst nach Kontrolle der allgemeinen Partnerabwertung.
• Beziehungszufriedenheit sinkt signifikant • Commitment und Vertrauen nehmen ab • Trennungsgedanken und depressive Symptome steigen
Mechanismen der Schädigung: Langeweile, Intimität und schweifender Blick
Drei Mediatoren erklären den Großteil der Effekte. Relationale Langeweile (15-Item-Skala, Alpha 0,95–0,96) vermittelte stark: Für Beziehungszufriedenheit in Studie 1 betrug der indirekte Effekt ab = −0,242 (95 %-KI [−0,312; −0,177]); für Lebenszufriedenheit ab = −0,239.
Niedrigere Intimität (3-Item-Skala) und höheres Verlangen nach attraktiven Alternativen (3-Item-Skala) trugen ebenfalls bei. In Studie 2 mediierte Intimität die Effekte auf Zufriedenheit (ab = −0,118) und Vertrauen (ab = −0,062). Das Verlangen nach Alternativen verstärkte den Wunsch nach anderen Partnern erheblich, während eine bloße Fokussierung auf Arbeit oder Hobbys keinen mediierenden Effekt zeigte.
Längsschnittbefunde über drei Jahre
Studie 3 bestätigte die zeitliche Dynamik. Frühere Indifferenz sagte spätere geringere Beziehungszufriedenheit voraus, auch nach Kontrolle früherer Werte. Die Mediatoren – Langeweile, reduzierte Intimität und Verlangen nach Alternativen – erklärten diese Vorhersagekraft. Die Längsschnittzusammenhänge waren etwas schwächer als die querschnittlichen, blieben jedoch statistisch signifikant.
Dies unterstreicht, dass romantische Indifferenz kein vorübergehendes Phänomen ist, sondern langfristig Beziehungen untergräbt und das persönliche Wohlbefinden beeinträchtigt.
Erkennung und praktische Hinweise für Betroffene
Paare können Indifferenz anhand fehlender starker Emotionen erkennen: weder Begeisterung beim Wiedersehen noch Frustration bei Konflikten. Die Subjective Interpersonal Indifference Scale bietet eine valide Selbsteinschätzung. Frühe Interventionen, die auf bewusste emotionale Aktivierung zielen, können helfen, bevor Langeweile und schweifender Blick die Beziehung weiter destabilisieren.
Regelmäßige Gespräche über emotionale Bedürfnisse und gezielte gemeinsame Erlebnisse können die Bewertungen wieder in positive Richtung lenken. Wichtig bleibt jedoch: Indifferenz ist kein bloßes Symptom von Alltagsroutine, sondern ein eigenständiger evaluativer Zustand mit messbaren Folgen.
Die Ergebnisse machen deutlich, dass emotionale Neutralität in der Partnerschaft keineswegs harmlos ist. Sie schafft Raum für Langeweile in der Beziehung, senkt die Intimität und fördert einen schweifenden Blick – mit messbaren Konsequenzen für Zufriedenheit und Gesundheit. Paare, die solche Muster früh erkennen, können gezielt gegensteuern und die Beziehung stabilisieren.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was unterscheidet romantische Indifferenz von bloßer Routine in langjährigen Beziehungen? Indifferenz ist ein spezifischer evaluativer Zustand mit niedrigen positiven und negativen Bewertungen, während Routine oft noch Reste positiver Emotionen enthält; die Skala der Studie misst genau diesen Unterschied und zeigt, dass nur Indifferenz die genannten Mediatoren aktiviert.
Kann Indifferenz auch in stabilen Beziehungen mit Kindern auftreten? Ja, die Stichproben umfassten langjährige Partnerschaften mit durchschnittlich über 14 Jahren Dauer; Indifferenz kann trotz äußerer Stabilität bestehen und bleibt ein eigenständiger Risikofaktor, unabhängig von gemeinsamen Verpflichtungen.
Wie wirkt sich Indifferenz auf die sexuelle Intimität aus? Die Mediator-Analysen zeigen, dass reduzierte Intimität einen eigenständigen Pfad bildet; Betroffene berichten messbar geringere emotionale Nähe, die sich auch auf körperliche Intimität auswirkt, ohne dass negative Emotionen dafür verantwortlich sind.
Ist romantische Indifferenz reversibel oder führt sie zwangsläufig zur Trennung? Die Längsschnittdaten zeigen, dass frühe Indifferenz spätere Zufriedenheit mindert, doch die Effekte sind nicht deterministisch; bewusste emotionale Aktivierung kann die Bewertungen verschieben, bevor Trennungsgedanken überhandnehmen.
Welche Rolle spielt das Alter bei der Entstehung von Indifferenz? Die Stichproben reichten vom Durchschnittsalter 38,7 bis 43,9 Jahre; Indifferenz tritt altersunabhängig auf, wird jedoch in längeren Beziehungen häufiger beobachtet, da positive Bewertungen mit der Zeit abflachen können.
Kann romantische Indifferenz durch äußere Lebensereignisse (z. B. Jobwechsel, Umzug, Elternschaft) ausgelöst werden? Ja, das ist möglich und wird in der Literatur als „situative Indifferenz“ diskutiert. Starke externe Stressoren oder große Lebensveränderungen können die emotionale Kapazität für den Partner vorübergehend reduzieren, ohne dass eine grundsätzliche Abwertung vorliegt. Die Längsschnittdaten deuten jedoch darauf hin, dass diese Form der Indifferenz besonders dann persistent wird, wenn keine aktive Gegensteuerung (z. B. bewusste Paarzeit oder Neuheitserfahrungen) erfolgt.
Unterscheidet sich die Wirkung von Indifferenz zwischen heterosexuellen und gleichgeschlechtlichen Paaren? Die vorliegende Studie (Đurić et al., 2026) enthielt zwar überwiegend heterosexuelle Paare, aber Vergleichsanalysen aus verwandten Arbeiten (z. B. mit kleineren Subgruppen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften) zeigen keine signifikanten Unterschiede in der Stärke der Mediatoren (Langeweile, Intimität, Alternativenaufmerksamkeit). Emotionale Neutralität scheint unabhängig von der sexuellen Orientierung ähnlich stark mit Beziehungsverschleiß verbunden zu sein.
Quellen
Đurić, M., Righetti, F., Zoppolat, G., & Schneider, I. K. (2026). Just not that into you: Experiences of indifference toward a romantic partner. Personality and Social Psychology Bulletin. https://doi.org/10.1177/01461672251410278
Cacioppo, J. T., Gardner, W. L., & Berntson, G. G. (1997). Beyond bipolar conceptualizations and measures: The case of attitudes and evaluative space. Personality and Social Psychology Review, 1(1), 3–25. https://doi.org/10.1207/s15327957pspr0101_2
Fincham, F. D., & Linfield, K. J. (1997). A new look at marital quality: Can spouses feel positive and negative about their marriage? Journal of Family Psychology, 11(4), 489–502. https://doi.org/10.1037/0893-3200.11.4.489
Hsieh, N., & Hawkley, L. (2018). Loneliness in the older adult: The role of social support and partner status. Journal of Marriage and Family, 80(4), 937–952.
Windsor, T. D., & Butterworth, P. (2010). Mental health in older adults: The role of relationship status and partner characteristics. Aging & Mental Health, 14(7), 845–856.






