Neue Strategie senkt Eierstockkrebsrisiko um fast 80 Prozent

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Dr. Amalia Michailov, Veröffentlicht am: 09.02.2026, Lesezeit: 7 Minuten

Eine bahnbrechende Präventionsstrategie, die von kanadischen Forschern entwickelt wurde und als opportunistische Salpingektomie bekannt ist, kann das Risiko für die häufigste und tödlichste Form von Eierstockkrebs um fast 80 Prozent senken, indem sie die Entfernung der Eileiter während routinemäßiger gynäkologischer Operationen wie Hysterektomie oder Tubenligatur vorsieht, wie eine neue Studie der University of British Columbia in der Zeitschrift JAMA Network Open belegt.

Die Herausforderung durch Eierstockkrebs

Eierstockkrebs zählt zu den tödlichsten gynäkologischen Krebserkrankungen weltweit. In Kanada werden jährlich etwa 3.100 Frauen mit dieser Erkrankung diagnostiziert, und rund 2.000 sterben daran, wie Daten der Canadian Cancer Society angeben. Global gesehen gab es im Jahr 2022 über 324.600 Neuerkrankungen, mit mehr als 206.900 Todesfällen, laut Schätzungen der World Cancer Research Fund International.

Die Erkrankung wird oft erst in fortgeschrittenen Stadien entdeckt, da es keinen zuverlässigen Screening-Test gibt. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt in Europa bei nur etwa 40 Prozent, wie die World Ovarian Cancer Coalition berichtet. In den USA werden für 2026 rund 21.010 Neuerkrankungen und 12.450 Todesfälle erwartet, gemäß den Cancer Statistics der American Cancer Society.

Ursprung und Entwicklung der opportunistischen Salpingektomie

Die opportunistische Salpingektomie (OS) wurde 2010 in der kanadischen Provinz British Columbia eingeführt. Sie basiert auf der Erkenntnis, dass die meisten Eierstockkrebse, insbesondere der seröse Subtyp, in den Eileitern entstehen und nicht in den Eierstöcken selbst. Diese Methode wird bei Patientinnen angewendet, die ohnehin eine gynäkologische Operation wie eine Hysterektomie oder eine Tubenligatur durchlaufen.

Die Strategie wurde von einem Team der University of British Columbia, BC Cancer und Vancouver Coastal Health entwickelt. Im Gegensatz zu einer vollständigen Ovariektomie bleiben die Eierstöcke erhalten, was die Hormonproduktion schont und Nebenwirkungen minimiert. Seit ihrer Einführung hat sich OS in British Columbia etabliert, wo sie bei etwa 80 Prozent der relevanten Operationen durchgeführt wird.

Ergebnisse der neuesten Studie

Eine Studie, veröffentlicht am 2. Februar 2026 in JAMA Network Open, analysierte Daten von über 85.800 Patientinnen in British Columbia, die zwischen 2008 und 2020 gynäkologische Operationen durchlaufen hatten. Die Forscher verglichen die Krebsraten bei Frauen mit OS und solchen ohne diese Maßnahme. Das Ergebnis: Frauen mit OS hatten ein um 78 Prozent geringeres Risiko, an serösem Eierstockkrebs zu erkranken, mit einer Hazard-Ratio von 0,22 (95%-Konfidenzintervall: 0,05–0,95).

In den seltenen Fällen, in denen Krebs nach OS auftrat, war er weniger aggressiv. Diese Befunde wurden durch Daten aus internationalen Pathologielabors validiert, die eine ähnliche Risikoreduktion zeigten. Die Studie, geleitet vom Ovarian Cancer Observatory, bestätigt frühere Erkenntnisse, dass OS sicher ist, das Eintrittsalter der Menopause nicht verändert und kosteneffektiv für Gesundheitssysteme ist.

Globale Auswirkungen und Adoption

Seit 2010 hat sich OS international verbreitet. Professionelle medizinische Organisationen in 24 Ländern empfehlen die Methode, einschließlich der Society of Obstetricians and Gynaecologists of Canada, die 2015 Leitlinien herausgab. In Europa könnten Tausende Fälle pro Jahr verhindert werden, wenn OS breiter implementiert würde. Für 2026 schätzen Experten in der EU etwa 25.300 Todesfälle durch Eierstockkrebs, wie Vorhersagen in den Annals of Oncology andeuten.

Die Erweiterung von OS auf andere abdominale und pelvine Operationen könnte weitere Patientinnen schützen. In British Columbia wurde OS kürzlich auf Eingriffe von Allgemeinchirurgen und Urologen ausgedehnt, unterstützt durch die Provinzregierung. Forscher betonen, dass eine globale Adoption Tausende Leben retten könnte.

Risikofaktoren und Präventionstipps

Bekannte Risikofaktoren für Eierstockkrebs umfassen genetische Mutationen wie BRCA1 und BRCA2, familiäre Belastung, Nulliparität und späte Menopause. Orale Kontrazeptiva reduzieren das Risiko langfristig, wie Studien zeigen. Rauchen und Übergewicht erhöhen es leicht.

Praktische Tipps: Frauen, die eine Hysterektomie oder Tubenligatur planen, sollten mit ihrem Arzt über OS sprechen. Regelmäßige gynäkologische Untersuchungen können Symptome wie Bauchschmerzen oder Blähungen früh erkennen. Genetische Beratung ist ratsam bei familiärer Vorbelastung.

  • Frühe Symptome beachten: Anhaltende Blähungen, Appetitverlust oder Beckenschmerzen können Hinweise sein.
  • Risikobewertung: Nutzen Sie Tools wie den Ovarian Cancer Risk Calculator der American Cancer Society.
  • Lebensstiländerungen: Eine ausgewogene Ernährung und Bewegung können das allgemeine Krebsrisiko senken.

Vergleich mit anderen Präventionsmethoden

Im Vergleich zu bilateraler Ovariektomie, die das Risiko um bis zu 90 Prozent senkt, aber zu vorzeitiger Menopause führt, ist OS schonender. Screening-Methoden wie Ultraschall oder CA-125-Tests sind nicht empfohlen, da sie falsch-positive Ergebnisse liefern, wie die UK Collaborative Trial of Ovarian Cancer Screening zeigte.

In Hochrisikogruppen, wie BRCA-Trägerinnen, bleibt prophylaktische Salpingo-Ovariektomie Standard. OS eignet sich für die allgemeine Bevölkerung bei opportunen Operationen.

Zukunftsperspektiven in der Eierstockkrebsprävention

Die Studie unterstreicht das Potenzial von OS, die Inzidenz serösen Eierstockkrebses zu senken. Globale Prognosen deuten auf einen Anstieg der Fälle auf über 500.000 bis 2050 hin, laut Globocan. Erweiterte Implementierung könnte dies abmildern.

Forschung zu Biomarkern für frühe Detektion läuft, doch OS bleibt eine sofort umsetzbare Strategie. In Europa fordert die World Ovarian Cancer Coalition mehr Bewusstsein und Politikmaßnahmen.

Auswirkungen auf das Gesundheitssystem

OS ist kosteneffektiv, da sie keine zusätzliche Operation erfordert. In British Columbia sparte sie Ressourcen, indem sie Krebsfälle reduzierte. Ähnliche Effekte könnten in Deutschland erwartet werden, wo Eierstockkrebs jährlich Tausende betrifft, obwohl exakte 2026-Zahlen nicht bestätigt sind.

Integration in Leitlinien der Deutschen Krebsgesellschaft könnte die Adoption fördern. Schulungen für Chirurgen sind essenziell.

Expertenstimmen zur Strategie

Dr. Gillian Hanley von der University of British Columbia betont: „Diese Studie zeigt klar, dass die Entfernung der Eileiter als Ergänzung zu routinemäßigen Operationen den tödlichsten Typ von Eierstockkrebs verhindern kann.“ Dr. Dianne Miller fügt hinzu: „Nichts ist besser, als Krebs gar nicht erst entstehen zu lassen.“

Dr. David Huntsman hebt hervor: „Die Auswirkungen sind größer als erwartet; wir hoffen auf breitere Adoption.“

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was ist der Unterschied zwischen opportunistischer Salpingektomie und prophylaktischer Ovariektomie? Die opportunistische Salpingektomie entfernt nur die Eileiter während einer bestehenden Operation und erhält die Eierstöcke, während die prophylaktische Ovariektomie beide entfernt und für Hochrisikopatientinnen empfohlen wird, um ein höheres Risikoreduktionspotenzial zu bieten, aber mit stärkeren hormonellen Auswirkungen.

Kann opportunistische Salpingektomie bei allen Frauen angewendet werden? Nein, sie ist auf Frauen beschränkt, die eine geeignete Operation durchlaufen; für andere könnte eine separate Bewertung notwendig sein, und sie eignet sich nicht für bereits menopausale Frauen ohne Operation.

Wie wirkt sich opportunistische Salpingektomie auf die Fruchtbarkeit aus? Da die Eierstöcke erhalten bleiben, bleibt die Fruchtbarkeit unbeeinträchtigt, solange keine Tubenligatur kombiniert wird; bei Hysterektomie ist Fruchtbarkeit jedoch bereits verloren.

Gibt es Alternativen zur opportunistischen Salpingektomie für Risikoreduktion? Ja, langfristige Einnahme oraler Kontrazeptiva kann das Risiko um bis zu 50 Prozent senken, und regelmäßige körperliche Aktivität trägt zur allgemeinen Krebsprävention bei, basierend auf Meta-Analysen.

Welche Rolle spielen genetische Tests in der Eierstockkrebsprävention? Genetische Tests auf BRCA-Mutationen identifizieren Hochrisikogruppen, die von intensiveren Maßnahmen profitieren; sie sind in Familien mit Krebsvorgeschichte empfehlenswert und können zu personalisierten Strategien führen.

Quellen

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