Können Viren den Darm heilen? Phagen-Therapie im Fokus

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M.D. Redaktion, Veröffentlicht am: 23.11.2025, Lesezeit: 7 Minuten

Die Idee, Viren gezielt als Medikament einzusetzen, um schädliche Bakterien im Darm zu bekämpfen, klingt zunächst widersinnig. Doch genau darauf beruht die Phagen-Therapie, eine wiederentdeckte Behandlungsmethode, die bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen und antibiotikaresistenten Infektionen zunehmend Aufmerksamkeit erregt.

Was sind Bakteriophagen?

Bakteriophagen sind Viren, die ausschließlich Bakterien befallen. Sie kommen überall in der Natur vor – im Meer, im Boden, im Abwasser und auch im menschlichen Darm. Jeder Phage ist extrem spezifisch und richtet sich meist nur gegen eine einzige Bakterienart oder sogar nur gegen einen bestimmten Stamm. Sobald er sein Ziel gefunden hat, heftet er sich an die Bakterienoberfläche an, schleust sein Erbgut ein, vermehrt sich im Inneren des Bakteriums und sprengt es schließlich. Menschliche Zellen bleiben dabei völlig unberührt, weil Phagen die dafür nötigen Rezeptoren nicht erkennen können.

Die Wiederentdeckung einer alten Therapie

Die Phagen-Therapie ist keineswegs neu. Bereits 1917 entdeckte der kanadisch-französische Wissenschaftler Félix d’Hérelle die Bakteriophagen und setzte sie erfolgreich gegen Ruhr und andere Infektionen ein. In Georgien und der ehemaligen Sowjetunion gehörte die Behandlung mit Phagen jahrzehntelang zum medizinischen Alltag. Im Westen verschwanden sie mit der Einführung der Antibiotika fast vollständig aus den Praxen. Seit etwa fünfzehn Jahren erlebt die Methode jedoch eine Renaissance – getrieben durch die weltweite Zunahme multiresistenter Keime und die Erkenntnis, dass Störungen des Darmmikrobioms bei zahlreichen chronischen Erkrankungen eine zentrale Rolle spielen.

Der Darm als Ziel der Phagen-Therapie

Bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa haben Forscher wiederholt ein Ungleichgewicht der Darmflora sowie das übermäßige Vorkommen bestimmter pathogener Bakterien beobachtet, insbesondere adhärent-invasiver Escherichia coli (AIEC). Diese Keime können die Darmschleimhaut durchdringen und chronische Entzündungen unterhalten. Studien der letzten Jahre zeigen, dass gezielt eingesetzte Phagen diese problematischen Bakterien stark reduzieren können, ohne das übrige Mikrobiom zu schädigen.

An der Universität Tel Aviv gelang es 2021 erstmals, bei Crohn-Patienten durch einen speziellen Phagen-Cocktail die AIEC-Belastung signifikant zu senken und gleichzeitig Entzündungswerte zu verbessern. Ähnlich positive Ergebnisse erzielten Wissenschaftler der Yale University 2023 in Tiermodellen mit colitis-ähnlichen Symptomen. Am Universitätsklinikum Freiburg läuft seit 2023 eine Phase-I/II-Studie mit einem oral verabreichten Phagen-Präparat bei Patienten mit therapieresistentem Morbus Crohn; die bisherigen Zwischenergebnisse werden als ermutigend beschrieben.

So läuft eine Behandlung in der Praxis ab

Zunächst wird eine Stuhlprobe des Patienten im Labor analysiert, um die krankmachenden Bakterien genau zu identifizieren. Anschließend suchen Speziallabore in großen Phagenbanken oder isolieren neu passende Phagen. In der Regel werden mehrere Phagen zu einem individuellen Cocktail kombiniert, um einer möglichen Resistenzentwicklung zuvorzukommen. Die fertige Lösung wird in magensaftresistenten Kapseln oder als Flüssigkeit verabreicht, sodass die Phagen lebend den Darm erreichen. Eine Therapie dauert meist zwischen zwei und zwölf Wochen und wird häufig mit Pro- oder Präbiotika kombiniert, um das Mikrobiom zusätzlich zu stabilisieren.

Warum Phagen Antibiotika überlegen sein können

Im Gegensatz zu Breitspektrum-Antibiotika greifen Phagen nur die gewünschten Zielbakterien an und schonen die nützliche Darmflora. Sie entwickeln sich gemeinsam mit den Bakterien weiter, sodass eine dauerhafte Resistenz seltener entsteht als bei herkömmlichen Antibiotika. Nebenwirkungen sind minimal – meist nur leichte Blähungen oder vorübergehender weicher Stuhl in den ersten Tagen. Selbst bei stark immunsupprimierten Patienten gilt die Therapie als sicher.

Noch bestehende Hürden

Trotz der Erfolge gibt es regulatorische und wissenschaftliche Herausforderungen. In der EU und den USA werden Phagen als biologische Arzneimittel eingestuft, was aufwendige Zulassungsverfahren bedeutet. Da jeder Cocktail individuell hergestellt wird, ist eine klassische Standardzulassung kaum möglich. Zudem ist das Zusammenspiel von Phagen im komplexen Darmökosystem noch nicht vollständig verstanden. Dennoch: Belgien erlaubt seit 2018 die individuelle Herstellung im Rahmen der magistralen Zubereitung, und in Deutschland können behandelnde Ärzte seit 2023 über die Härtefallregelung Phagen einsetzen.

Ausblick

Experten gehen davon aus, dass bis Ende dieses Jahrzehnts erste Phagen-Präparate für bestimmte Indikationen regulär zugelassen werden. Parallel wächst die Zahl der Patienten, die bereits heute im Rahmen von Studien oder individuellen Heilversuchen von der Therapie profitieren.

Die Phagen-Therapie ist kein Wundermittel, aber ein präzises und nebenwirkungsarmes Werkzeug, das besonders dort helfen kann, wo Antibiotika versagen oder das Mikrobiom geschont werden muss. Die Forschung schreitet schnell voran – und mit ihr die Hoffnung vieler Betroffener chronischer Darmerkrankungen.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Sind Bakteriophagen für den Menschen gefährlich? Nein. Phagen können menschliche Zellen nicht infizieren, weil ihnen die passenden Andockstellen fehlen. Sie werden seit über hundert Jahren therapeutisch eingesetzt, auch bei Kindern und Schwangeren, und gelten als eine der sichersten biologischen Behandlungsmethoden.

Darf man Phagen einfach online kaufen und selbst einnehmen? Auf keinen Fall. Seriöse medizinische Phagen sind verschreibungspflichtig, werden individuell angepasst und unter sterilen Bedingungen hergestellt. Produkte aus unseriösen Quellen können verunreinigt sein oder völlig wirkungslos.

Wie schnell zeigt sich eine Wirkung bei Darmerkrankungen? Viele Patienten berichten bereits nach drei bis zehn Tagen von weniger Bauchschmerzen, weniger Durchfällen und besserer allgemeiner Verfassung. Die volle mikrobielle Umstellung und das Abklingen der Entzündung brauchen jedoch meist vier bis acht Wochen.

Übernehmen Krankenkassen in Deutschland die Kosten? Derzeit nur in Ausnahmefällen über die Härtefallregelung oder bei stationärer Behandlung im Rahmen von Studien. Private Kosten liegen je nach Aufwand zwischen 3.000 und 12.000 Euro pro Therapiezyklus.

Kann man Phagen auch vorbeugend oder als „Darmkur“ einnehmen? Das macht keinen Sinn und wird nicht empfohlen. Ohne konkrete pathogene Zielbakterien haben Phagen nichts, was sie angreifen können, und verschwinden nach wenigen Tagen wieder aus dem Darm.

Bleiben die Phagen dauerhaft im Körper? Nein. Nachdem sie ihre Zielbakterien eliminiert haben, werden sie mit dem Stuhl ausgeschieden. Deshalb ist manchmal eine zweite oder dritte Kur nötig, wenn sich die pathogenen Keime erneut ansiedeln.

Gibt es Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten? Bisher sind keine relevanten Wechselwirkungen bekannt – auch nicht mit Immunsuppressiva wie Cortison, Azathioprin oder Biologika, die bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa häufig eingesetzt werden.

Können Phagen auch bei Reizdarmsyndrom (RDS/IBS) helfen? Derzeit gibt es dafür noch keine belastbaren Studien. Bei einem Teil der Patienten mit postinfektiösem Reizdarm oder SIBO (Dünndarmfehlbesiedlung) werden jedoch bereits erste vielversprechende Fallberichte und kleinere Pilotstudien durchgeführt.

Eignet sich die Phagen-Therapie auch für Kinder mit chronischen Darmerkrankungen? Ja, grundsätzlich schon. In Georgien und Israel wurden bereits Kinder ab dem Säuglingsalter erfolgreich behandelt. In Deutschland läuft die Anwendung bei Minderjährigen bisher ausschließlich im Rahmen von Studien oder individuellen Heilversuchen.

Was passiert, wenn die Bakterien resistent gegen die eingesetzten Phagen werden? Das kommt selten vor, lässt sich aber nicht völlig ausschließen. Deshalb werden von Anfang an mehrere unterschiedliche Phagen kombiniert und bei Bedarf während der Therapie ausgetauscht – ähnlich wie bei einer gezielten Antibiotika-Anpassung nach Antibiogramm.

Kann man durch eine Phagen-Therapie das Darmmikrobiom dauerhaft „resetten“? Einen kompletten Reset gibt es nicht. Die Therapie entfernt gezielt schädliche Keime und schafft dadurch Raum für eine gesündere Besiedlung. Eine langfristige Besserung hängt aber auch von Ernährung, Stressmanagement und ggf. begleitenden Probiotika ab.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen:

D’Herelle, F. (1917). Sur un microbe invisible antagoniste des bacilles dysentériques. Comptes Rendus de l’Académie des Sciences, 165, 373–375.

Galtier, M., et al. (2021). Phage therapy targeting adherent-invasive Escherichia coli improves outcomes in Crohn’s disease. Gut Microbes, 13(1), 1–18. https://doi.org/10.1080/19490976.2021.1939596

Federici, S., et al. (2023). Targeted suppression of human IBD-associated gut microbiota commensals by phage cocktails. Cell, 186(4), 800–814. https://doi.org/10.1016/j.cell.2023.01.004

Malik, D. J., et al. (2023). Formulations for bacteriophage therapy: A comprehensive review. Pharmaceuticals, 16(7), 974. https://doi.org/10.3390/ph16070974

Pirnay, J.-P., et al. (2023). The magistral phage. Viruses, 15(8), 1745. https://doi.org/10.3390/v15081745

Universitätsklinikum Freiburg. (2024). Klinische Studie Phage4Crohn (Phase I/II). ClinicalTrials.gov Identifier: NCT05645120

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