Die Ringelblume (Calendula officinalis L.), einst als „Safran der armen Leute“ bekannt, gilt heute nicht mehr nur als hübsche Dekoration auf Salaten oder Suppen. Eine aktuelle Übersichtsarbeit, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Applied Sciences, zeigt, dass die essbare Blüte weit mehr zu bieten hat als Farbe und Optik: Wissenschaftler dokumentieren mehr als 500 sekundäre Pflanzenstoffe, natürliche Pigmente, Antioxidantien sowie einen bemerkenswert hohen Ballaststoffgehalt, die das Potenzial der Pflanze als funktionelle Lebensmittelzutat unterstreichen. Erste Studien zu Joghurt, Brot, Pasta und Speiseölen liefern vielversprechende Ergebnisse, doch klinische Belege am Menschen fehlen bislang vollständig.
Hintergrund: Warum essbare Blüten an Bedeutung gewinnen
Viele essbare Blüten enthalten Hunderte natürlich vorkommender Verbindungen, die sowohl die Ernährung als auch die Lebensmittelqualität positiv beeinflussen können. Calendula officinalis wird seit Jahrhunderten in der traditionellen Medizin sowie als natürlicher Lebensmittelfarbstoff eingesetzt, was ihr den Beinamen „Safran der armen Leute“ einbrachte.
Die Blüten enthalten zahlreiche bioaktive Substanzen, die aufgrund ihrer antioxidativen, entzündungshemmenden, antimikrobiellen und ernährungsphysiologischen Eigenschaften wissenschaftliches Interesse geweckt haben. Angesichts der wachsenden Nachfrage nach natürlichen statt synthetischen Zutaten rücken essbare Blüten wie die Ringelblume zunehmend in den Fokus der Lebensmittelindustrie; dennoch ist weitere Forschung nötig, um ihre praktische Anwendbarkeit vollständig zu verstehen.
Methodik der Übersichtsarbeit
Die Autoren führten eine strukturierte Literaturrecherche in den Datenbanken Scopus und Web of Science durch und berücksichtigten Publikationen aus dem Zeitraum 2003 bis 2026, ergänzt durch ältere grundlegende Studien. Die Suchbegriffe umfassten Calendula officinalis in Kombination mit Begriffen zu bioaktiven Verbindungen, antioxidativer und antimikrobieller Wirkung, funktionellen Lebensmitteln, Anbaubedingungen sowie pharmazeutischen und lebensmitteltechnologischen Anwendungen.
Die Recherche folgte den PRISMA-Leitlinien (Preferred Reporting Items for Systematic Reviews and Meta-Analyses). Von 86 gesichteten Datensätzen erfüllten 76 Publikationen die Einschlusskriterien und wurden in die Auswertung einbezogen.
Bioaktive Verbindungen: Eine chemische Fundgrube
In Calendula officinalis wurden bislang über 500 sekundäre Metaboliten nachgewiesen, hauptsächlich in Untersuchungen der Blüten. Ihre Zusammensetzung variiert je nach Sorte, Anbaubedingungen, Reifegrad der Blüte, Verarbeitung und Analysemethode erheblich.
Flavonoide und Carotinoide als Hauptträger der Antioxidanswirkung
Flavonoide wie Quercetin, Kaempferol, Isorhamnetin, Rutin und Isoquercitrin tragen wesentlich zur antioxidativen Wirkung bei; ihre Konzentration hängt stark von der jeweiligen Extraktionsmethode ab. Zusätzlich enthalten die Blüten rund 100 verschiedene Carotinoide, darunter Beta-Carotin und Lutein, die sowohl für die antioxidative Kapazität als auch für die charakteristische gelb-orange Farbe verantwortlich sind.
Ergänzt wird das chemische Profil durch ätherische Öle, Triterpenoide, Kohlenhydrate, Aminosäuren und Fettsäuren, die gemeinsam zum ernährungsphysiologischen Wert der Pflanze beitragen.
Gesamtflavonoidgehalt getrockneter Ringelblumenblüten
| Flavonoidgehalt | Lösungsmittel | Ausgangsmaterial |
|---|---|---|
| 0,21–0,68 % TM | Methanol (Spektrophotometrie, 370 nm) | Getrocknete Blüten, 20 Sorten |
| bis zu 1,7 % TM | Methanol (Spektrophotometrie) | Getrocknete Blüten, Sorte ‚Radio‘ |
| 12,12 ± 0,02 mg QE/g | Ethanol 80 % | Getrocknete Blüten |
| 13,61 ± 0,54 mg QE/g | Ethanol 80 % | Getrocknete Blüten |
| 15,2 ± 0,3 mg/g (Blüten); 12 ± 0,02 mg/g (Blätter) | Methanol | Getrocknete Blüten und Blätter |
| 147,82 mg QE/100 g | Ethanol 50 % | Getrocknete Blüten |
QE: Quercetin-Äquivalente; TM: Trockenmasse. Die Werte sind aufgrund unterschiedlicher Lösungsmittel, Pflanzenteile und Bezugsgrößen nicht direkt vergleichbar.
Biologische Wirkungen in Labor- und Tierstudien
Die vielfältige phytochemische Zusammensetzung der Ringelblume erklärt das breite Spektrum an biologischen Effekten, die in Labor- und Tierversuchen dokumentiert wurden. Verschiedene Flavonoide, Phenolsäuren, Carotinoide und Saponine tragen zur antioxidativen Kapazität bei; Blütenextrakte wurden bereits eingesetzt, um den antioxidativen Gehalt von Lebensmitteln wie Brot und Joghurt durch erhöhte Phenolwerte zu steigern.
In experimentellen Modellen zeigten Calendula-Extrakte zudem entzündungshemmende Effekte: Triterpenoide, Flavonoide, Carotinoide, Polysaccharide und Sterole reduzierten Entzündungsreaktionen und hemmten entzündungsfördernde Botenstoffe.
Wundheilung, antimikrobielle Wirkung und weitere Effekte
Zell- und Nagetierstudien zeigten, dass Calendula-Extrakte die Wundheilung, die Vermehrung von Fibroblasten, die Regeneration von Bindegewebe sowie die Erholung nach Verbrennungen und Sehnenverletzungen förderten. In-vitro-Untersuchungen belegten außerdem eine Wirksamkeit gegen grampositive und gramnegative Bakterien sowie Pilze, was das Potenzial der Pflanze als natürliches Konservierungsmittel unterstützt.
Weitere experimentelle Studien berichteten über zytotoxische, antiproliferative, antidepressive, magen-darm-schützende und neuroprotektive Effekte, einschließlich Befunden in Modellen zur Parkinson-Krankheit. Die Autoren betonen jedoch ausdrücklich, dass diese Ergebnisse primär auf Labor- und Tierstudien beruhen und vor einer klinischen Einordnung weiterer Forschung bedürfen.
Funktionelle Lebensmittelanwendungen
Aufgrund ihrer natürlichen Pigmente, antioxidativen Verbindungen, ihres Ballaststoffgehalts und ihres angenehmen blumigen Aromas gilt Calendula officinalis als vielversprechender Kandidat für funktionelle Lebensmittel. Diese Eigenschaften können die Nährstoffzusammensetzung, die oxidative beziehungsweise mikrobielle Stabilität sowie die sensorischen Eigenschaften bestimmter Lebensmittel verbessern und so als Alternative zu ausgewählten synthetischen Farb-, Antioxidations- oder Konservierungsstoffen dienen.
Joghurt als am besten untersuchtes Anwendungsfeld
Joghurt zählt zu den am intensivsten erforschten Produktkategorien. Die Zugabe eines lyophilisierten hydroethanolischen Blütenextrakts erhöhte den Gesamtphenolgehalt, den Flavonoidspiegel und die antioxidative Kapazität in Standardlabortests. Der Extrakt erhielt zudem die Lebensfähigkeit nützlicher Milchsäurebakterien und erzeugte bei einer Konzentration von 0,25 g pro 100 g Joghurt eine gelb-orange Farbe sowie positive sensorische Eigenschaften; höhere Konzentrationen führten allerdings zu vermehrter Adstringenz.
Backwaren, Pasta und weitere Produkte
Auch bei Backwaren zeigten sich vielversprechende Ergebnisse. Der Ersatz von 10 bis 15 Prozent des Wassers in Weizenbrot durch einen wässrigen Blütenextrakt erhöhte den Phenolgehalt, steigerte die antioxidative Aktivität in Labortests und reduzierte das Wachstum von Aspergillus niger, ohne jedoch Penicillium-Arten zu hemmen. Das Backvolumen und der Backverlust blieben unbeeinträchtigt, die sensorischen Eigenschaften akzeptabel.
Frische Pasta, bei der 5 Prozent des Weizenmehls durch Blütenpulver ersetzt wurden, wies höhere Gehalte an Ballaststoffen, Protein, Carotinoiden und Phenolverbindungen auf und behielt ihre antioxidativen Eigenschaften auch nach dem Kochen.
Weitere Anwendungen in Keksen, Traubensaft, Senföl, kaltgepressten Ölen und verkapselten Extrakten führten zu produktspezifischen Verbesserungen der Nährstoffzusammensetzung, der antioxidativen Stabilität oder der Widerstandsfähigkeit gegenüber Lipidoxidation. Die antimikrobiellen und antifungalen Eigenschaften der Pflanze unterstützen zudem ihr Potenzial als natürliches Konservierungsmittel, wobei die Wirksamkeit je nach Lebensmittelsystem, Extraktionsmethode und Mikroorganismus variiert.
Anbaufaktoren, Sicherheit und Forschungslücken
Die phytochemische Zusammensetzung und Qualität von Calendula officinalis hängt stark von Sorte, Blütenmorphologie, Umweltbedingungen, Erntezeitpunkt, Nährstoffverfügbarkeit und Lichteinstrahlung ab. Orangeblütige Sorten enthalten in der Regel mehr Carotinoide als gelbblütige Varianten, während zungenförmige Blütenblätter tendenziell mehr Flavonoide und Carotinoide aufweisen als röhrenförmige. Röhrenblütenblätter können hingegen höhere Gehalte an Kaffeoylchinasäuren, Cumarinen und Anthocyanen enthalten.
Der Einsatz moderner Anbautechniken wie Plant Factories with Artificial Lighting (PFAL) könnte eine kontrollierte, ganzjährige Produktion sowie eine gezielte Steuerung des Phytochemikaliengehalts ermöglichen; Zielkonflikte zwischen Ernteertrag und Wirkstoffgehalt bedürfen jedoch weiterer Untersuchung.
Laut der Übersichtsarbeit gilt Calendula officinalis in der Europäischen Union als traditionelle Lebensmittelzutat, während Ringelblume in den USA als GRAS-Aromastoff (Generally Recognized as Safe) eingestuft ist. Allergische Reaktionen sind dennoch möglich, insbesondere bei Personen mit einer Sensibilität gegenüber anderen Pflanzen der Familie der Korbblütler (Asteraceae).
Tierstudien bestätigen weitgehend die Sicherheit bei lebensmittelrelevanten Dosierungen; langfristig hoch dosierte Gaben führten in einigen Experimenten jedoch zu milden biochemischen oder gewebebezogenen Veränderungen an Leber und Niere. Weitere Herausforderungen betreffen den Einfluss des hohen unlöslichen Ballaststoffgehalts auf die Teigqualität, die zunehmende Adstringenz bei hohen Extraktkonzentrationen sowie die begrenzte Anzahl an Produktstudien.
Fazit
Die Übersichtsarbeit zeigt, dass Calendula officinalis eine reichhaltige Quelle bioaktiver Verbindungen mit erheblichem Potenzial für die Entwicklung funktioneller Lebensmittel darstellt. Flavonoide, Carotinoide, Terpenoide, Ballaststoffe und weitere Phytochemikalien haben in Labor- und Tierstudien antioxidative, entzündungshemmende, antimikrobielle und regenerative Wirkungen gezeigt.
Vielversprechende Anwendungen wurden in Joghurt, Brot, Pasta, Getränken, Speiseölen und der natürlichen Lebensmittelkonservierung identifiziert. Allerdings bleibt die Forschung zu konkreten Lebensmittelprodukten begrenzt, die meisten Anwendungen stützen sich auf einzelne Studien, und bislang liegt keine klinische Studie vor, die Calendula-haltige Lebensmittel bei realistischen Verzehrmengen untersucht hat. Auch die Bioverfügbarkeit der Wirkstoffe aus der Lebensmittelmatrix ist unbekannt, weshalb die berichteten biologischen Effekte derzeit keine gesundheitsbezogenen Aussagen am Menschen stützen können. Die Autoren fordern weitere gut konzipierte Studien zu Lebensmittelanwendungen, um standardisierte Verarbeitungsstrategien zu etablieren und den praktischen Wert der Pflanze als funktionelle Lebensmittelzutat vollständig auszuschöpfen.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Ist Ringelblumentee dasselbe wie die in der Studie untersuchten Extrakte? Nein, die Studie bezieht sich auf standardisierte Laborextrakte aus Blüten, die in kontrollierten Konzentrationen Lebensmitteln zugesetzt wurden. Handelsüblicher Ringelblumentee weist eine andere Zubereitungsform und Konzentration auf, weshalb sich die berichteten Effekte nicht direkt übertragen lassen.
Können Ringelblumenblüten roh gegessen werden? Die Blütenblätter gelten in der EU als traditionelle Lebensmittelzutat und werden häufig roh in Salaten verwendet; ihre gesundheitlichen Wirkungen bei diesem Verzehr wurden in der besprochenen Übersichtsarbeit jedoch nicht gesondert untersucht.
Quellen
Owczarek, A., & Harasym, J. (2026). Calendula officinalis L. as a source of bioactive compounds for functional foods: A review. Applied Sciences, 16(15), 7466. https://doi.org/10.3390/app16157466
Kumar Malesu, V. (2026, July 28). This edible flower could do more than brighten a plate. News-Medical. https://www.news-medical.net/news/20260728/This-edible-flower-could-do-more-than-brighten-a-plate.aspx






