Aminosäure Tyrosin und Lebenserwartung

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M.A. Dirk de Pol, Veröffentlicht am: 08.09.2026, Lesezeit: 8 Minuten

Männer sterben im weltweiten Durchschnitt früher als Frauen, doch die biologischen Gründe für diesen Unterschied sind nur teilweise verstanden. Eine neue Studie im Fachjournal Aging liefert nun einen möglichen Baustein zur Erklärung: den Aminosäurestoffwechsel. Anhand von Daten aus der britischen UK Biobank Kohorte untersuchten Forschende der University of Hong Kong und der University of Georgia, ob die Aminosäure Tyrosin und ihre Vorstufe Phenylalanin mit der Lebensspanne zusammenhängen. Das Ergebnis: Höhere Tyrosinwerte im Blut standen mit einer kürzeren Lebenserwartung in Verbindung, wobei dieser Zusammenhang bei Männern deutlicher ausfiel als bei Frauen. Da die Studie sowohl Beobachtungsdaten als auch genetische Analysen kombiniert, liefert sie zwar stärkere Hinweise auf einen möglichen ursächlichen Zusammenhang als eine reine Beobachtungsstudie, bestätigt diesen jedoch noch nicht abschließend.

Hintergrund: Warum Aminosäuren für die Alternsforschung interessant sind

Dass eine reduzierte Proteinzufuhr die Lebensspanne bei verschiedenen Tierarten verlängern kann, ist seit Längerem bekannt. Da Proteine aus Aminosäuren aufgebaut sind, vermuten Forschende, dass einzelne Aminosäuren für diesen Effekt mitverantwortlich sein könnten.

Tyrosin ist eine solche Aminosäure. Der Körper bildet sie aus Phenylalanin und nutzt sie als Ausgangsstoff für wichtige Botenstoffe im Gehirn, darunter Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin. Diese Botenstoffe regulieren Stimmung, kognitive Funktionen und die Stressreaktion, Bereiche, die eng mit dem Stoffwechsel und potenziell mit der Lebenserwartung verknüpft sind.

In Tierversuchen wurde bereits gezeigt, dass Tyrosin an der Reaktion des Körpers auf eine proteinarme Ernährung beteiligt ist und die Lebensspanne beeinflussen kann. Auch für Phenylalanin gibt es Hinweise auf gesundheitliche Zusammenhänge: Erhöhte Werte wurden mit einer schnelleren Verkürzung der Telomere, mit entzündlichen Erkrankungen und mit Typ 2 Diabetes in Verbindung gebracht. Zudem kann Phenylalanin zu Meta Tyrosin oxidieren, einem Stoffwechselprodukt, das in Fadenwürmern die Lebensspanne verkürzt hat.

Da Männer im Schnitt kürzer leben als Frauen und junge Frauen zugleich niedrigere Tyrosinwerte aufweisen als junge Männer, stellte sich für das Forschungsteam die Frage, ob Tyrosin einen Teil dieses Unterschieds erklären könnte.

Wie die Studie aufgebaut war

Für die Analyse wurden Daten von 272.475 Teilnehmenden der UK Biobank herangezogen, für die Angaben zu Todesfällen, Aminosäurewerten im Blut sowie zu möglichen Einflussfaktoren wie Alter, sozioökonomischer Status, Rauchen, Alkoholkonsum, körperlicher Aktivität, Bildung und Body Mass Index vorlagen.

Um über eine reine Beobachtungsstudie hinauszugehen, die stets durch nicht erfasste Störfaktoren verzerrt sein kann, nutzten die Forschenden zusätzlich die Methode der Mendelschen Randomisierung. Dabei werden genetische Varianten als Stellvertreter für lebenslang leicht erhöhte oder erniedrigte Tyrosin beziehungsweise Phenylalaninwerte verwendet. Da diese Varianten bereits bei der Zeugung zufällig verteilt werden, sind sie weniger anfällig für Verzerrungen durch Lebensstil oder sozialen Status. Als Maß für die Lebensspanne diente das erreichte Lebensalter der Eltern der Teilnehmenden, ein in der Langlebigkeitsforschung gängiger Ansatz.

Zentrale Ergebnisse

Beobachtungsdaten: Zusammenhang mit der Gesamtsterblichkeit

In der klassischen Kohortenanalyse war ein höherer Phenylalaninspiegel bei Männern und Frauen gleichermaßen mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden. Für Tyrosin zeigte sich ein anderes Bild: Ein Zusammenhang mit erhöhter Sterblichkeit fand sich bei Männern, nicht jedoch bei Frauen. Ein statistischer Test ergab jedoch, dass sich dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern nicht als eindeutig signifikant absichern ließ, sodass er vorsichtig interpretiert werden sollte.

Bei der Betrachtung spezifischer Todesursachen zeigte sich, dass Phenylalanin, nicht aber Tyrosin, mit einem erhöhten Risiko für Todesfälle durch Herz Kreislauf Erkrankungen und durch Krebs verbunden war.

Genetische Analyse: Hinweise auf einen möglichen ursächlichen Zusammenhang

Die Mendelsche Randomisierung ergab, dass genetisch bedingt höhere Tyrosinwerte sowohl bei Männern als auch bei Frauen mit einer kürzeren Lebensspanne einhergingen. Für Phenylalanin zeigte sich hingegen ein gegenteiliger Trend bei Männern: Genetisch höhere Werte waren dort mit einer längeren Lebensspanne verbunden, bei Frauen ließ sich dieser Zusammenhang nicht bestätigen.

Da Phenylalanin und Tyrosin im Körper eng miteinander verknüpft sind, prüften die Forschenden anschließend, welche der beiden Aminosäuren unabhängig wirkt. Nach statistischer Kontrolle für Tyrosin verschwand der Zusammenhang zwischen Phenylalanin und Lebensspanne vollständig. Wurde umgekehrt für Phenylalanin kontrolliert, blieb der Zusammenhang zwischen Tyrosin und einer kürzeren Lebensspanne bei Männern bestehen, mit einem geschätzten Verlust von etwa 0,8 bis 0,9 Lebensjahren pro Standardabweichung höherem Tyrosinwert. Bei Frauen fiel dieser Zusammenhang in den verschiedenen Analysemethoden weniger einheitlich aus.

Zur Absicherung der Ergebnisse führten die Forschenden zusätzliche Sensitivitätsanalysen durch, unter anderem mit genetischen Daten aus einer unabhängigen Studie ohne Überschneidung mit der UK Biobank. Die Richtung der Zusammenhänge blieb dabei im Wesentlichen bestehen, was die Ergebnisse insgesamt stützt.

Welche Rolle könnte Tyrosin biologisch spielen?

Wie genau ein erhöhter Tyrosinspiegel die Lebensspanne beeinflussen könnte, ist bislang nicht geklärt. Die Studienautoren diskutieren mehrere mögliche Mechanismen, die sie in dieser Arbeit jedoch nicht direkt untersucht haben.

Ein möglicher Ansatzpunkt ist die Insulinresistenz, die mit einem erhöhten Risiko für verschiedene chronische Erkrankungen und einer verkürzten Lebenserwartung in Verbindung gebracht wird und die zudem geschlechtsspezifische Effekte zeigen kann. Auch das Sexualhormon Testosteron, das in einer früheren Studie mit dem Überleben in Verbindung gebracht wurde, mit einem klareren Effekt bei Männern, könnte über eine Wechselwirkung mit der Insulinresistenz eine Rolle spielen. Da Tyrosin zugleich Ausgangsstoff für Botenstoffe ist, die ihrerseits von Sexualhormonen reguliert werden, sehen die Autoren hierin eine mögliche Erklärung für die beobachteten Geschlechtsunterschiede. Es handelt sich hierbei jedoch um Hypothesen, die weitere mechanistische Forschung erfordern.

Einschränkungen der Studie

Die Forschenden weisen selbst auf mehrere Grenzen ihrer Arbeit hin. Beobachtungsdaten können grundsätzlich durch nicht gemessene Störfaktoren verzerrt sein. Die genetischen Daten zu Tyrosin, Phenylalanin und zur Lebensspanne stammen teilweise aus überlappenden Datensätzen innerhalb der UK Biobank, was theoretisch zu einer Verzerrung der Schätzwerte führen kann. Die durchgeführte Sensitivitätsanalyse mit unabhängigen Daten deutet zwar auf konsistente Ergebnisse hin, kann diese Einschränkung aber nicht vollständig ausräumen.

Zudem wurden die Aminosäurewerte nur zu einem einzigen Zeitpunkt gemessen, sodass keine Aussage über deren Verlauf über die Zeit möglich ist. Die Autoren betonen außerdem, dass der Zusammenhang möglicherweise nicht linear ist und vor allem für Personen mit bereits erhöhten Tyrosin oder Phenylalaninwerten gilt. Schließlich weisen sie darauf hin, dass die Studie mögliche Effekte einer lebenslangen genetischen Veranlagung untersucht, was nicht mit der kurzfristigen Wirkung einer Nahrungsergänzung durch Tyrosin gleichzusetzen ist.

Was bedeutet das für Nahrungsergänzungsmittel mit Tyrosin?

Tyrosin wird häufig als Nahrungsergänzungsmittel beworben, etwa zur Unterstützung von Stimmung und geistiger Wachheit. Die vorliegende Studie hat eine solche Supplementierung jedoch nicht direkt untersucht, sondern ausschließlich natürlich vorkommende genetische Unterschiede in den Tyrosinwerten betrachtet.

Die Autoren äußern sich dazu zurückhaltend: Da eine Supplementierung den Tyrosinspiegel im Blut erhöhen kann, sehen sie in ihren Ergebnissen keinen Beleg für einen langfristigen Nutzen von Tyrosin Präparaten für die Lebenserwartung. Das ist nicht gleichbedeutend mit dem Nachweis, dass solche Präparate schädlich sind, sondern bedeutet lediglich, dass ein positiver Langzeiteffekt auf die Lebensspanne durch diese Studie nicht gestützt wird.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Bedeutet die Studie, dass Tyrosin ungesund ist?

Nein. Die Studie zeigt einen statistischen Zusammenhang zwischen höheren Tyrosinwerten im Blut und einer kürzeren Lebenserwartung, vor allem bei Männern. Tyrosin ist jedoch eine natürliche Aminosäure, die der Körper für wichtige Funktionen benötigt. Die Ergebnisse erlauben keine pauschale Bewertung als gesund oder ungesund.

Warum war der Effekt bei Männern deutlicher als bei Frauen?

Die Forschenden vermuten Zusammenhänge mit Insulinresistenz und Sexualhormonen wie Testosteron, die sich zwischen den Geschlechtern unterscheiden können. Diese Erklärungen sind bislang jedoch Hypothesen und nicht abschließend belegt. Zudem war der statistische Nachweis für einen echten Geschlechterunterschied in der Beobachtungsstudie nicht eindeutig.

Sollte ich meine Ernährung wegen dieser Studie ändern?

Die Studie untersuchte keine konkrete Ernährungsumstellung, sondern natürliche Unterschiede im Blutspiegel von Tyrosin. Ob eine gezielte Reduktion der Proteinzufuhr beim Menschen tatsächlich die Lebenserwartung verlängert, ist damit nicht belegt und müsste in weiteren Studien am Menschen geprüft werden.

Ist die Einnahme von Tyrosin Nahrungsergänzungsmitteln riskant?

Das lässt sich aus dieser Studie nicht ableiten, da eine Supplementierung nicht getestet wurde. Die Autoren merken lediglich an, dass ihre Daten keinen langfristigen Nutzen für die Lebenserwartung stützen.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

Zhao, J. V., Sun, Y., Zhang, J., & Ye, K. (2025). The role of phenylalanine and tyrosine in longevity: a cohort and Mendelian randomization study. Aging (Albany NY), 17(10), 2500 bis 2533. https://doi.org/10.18632/aging.206326

Dutta, S. S. (2026, 7. September). Could one amino acid help explain why men tend to live shorter lives? News Medical. https://www.news-medical.net/news/20260907/Could-one-amino-acid-help-explain-why-men-tend-to-live-shorter-lives.aspx

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