Eine aktuelle Studie aus China zeigt, dass erhöhte Serum-Testosteronspiegel bei männlichen Jugendlichen mit einer diagnostizierten Major Depressive Disorder (MDD) signifikant mit einem höheren Risiko für suizidale Gedanken und Verhaltensweisen assoziiert sind, während bei weiblichen Jugendlichen kein solcher Zusammenhang besteht; diese geschlechtsspezifischen Befunde unterstreichen die Notwendigkeit biologischer Marker in der Adoleszenz, einer Phase intensiver hormoneller Umstellungen und neurologischer Reifung, und könnten künftig helfen, Hochrisikopatienten früher zu identifizieren.
ÜBERSICHT
- 1 Die wachsende Belastung durch Depression und Suizidalität bei Jugendlichen
- 2 Die Studie: Design und Methodik
- 3 Ergebnisse bei männlichen Jugendlichen
- 4 Kein Zusammenhang bei weiblichen Jugendlichen
- 5 Biologische Mechanismen hinter dem Zusammenhang
- 6 Limitationen der Untersuchung
- 7 Implikationen für die klinische Praxis und Forschung
- 8 Geschlechtsspezifische Unterschiede in Depression und Suizidalität
- 9 Zukünftige Forschungsrichtungen
- 10 Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Die wachsende Belastung durch Depression und Suizidalität bei Jugendlichen
Depressionen und suizidale Verhaltensweisen bei Jugendlichen stellen ein drängendes öffentliches Gesundheitsproblem dar. In der Europäischen Union entfielen im Jahr 2022 fast die Hälfte der Todesfälle bei 15- bis 29-Jährigen durch externe Ursachen auf Unfälle und intentionale Selbstschädigung. Suizide machten dabei einen erheblichen Anteil aus und rangierten als zweithäufigste Todesursache in dieser Altersgruppe.
Laut Eurostat-Daten starben 2022 in der EU 5.017 junge Menschen im Alter von 15 bis 29 Jahren durch intentionale Selbstschädigung. Bei jungen Männern lag die Suizidrate dabei 1,9- bis 4,2-fach höher als bei jungen Frauen. Diese Trends verdeutlichen die Dringlichkeit objektiver Biomarker, da herkömmliche Diagnosen auf subjektiven Angaben beruhen.
In China, dem Herkunftsland der vorliegenden Studie, stieg die Suizidmortalität unter Jugendlichen von 1,59 auf 2,83 pro 100.000 Einwohner zwischen 2017 und 2021. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich weltweit und unterstreichen die Relevanz hormoneller Faktoren in der Pathophysiologie.
Die Studie: Design und Methodik
Forschende um Han Wang von der Capital Medical University in Peking analysierten retrospektiv elektronische Krankenakten des Beijing Anding Hospital. Die primäre Stichprobe umfasste 1.227 Jugendliche im Alter von 10 bis 19 Jahren, die zwischen 2013 und 2020 stationär wegen einer Major Depressive Disorder behandelt wurden.
Patienten mit komorbiden Erkrankungen wie Schizophrenie, Autismus, schweren somatischen Leiden oder Substanzmissbrauch wurden ausgeschlossen. Die Teilnehmenden wurden in zwei Gruppen unterteilt: solche mit suizidalen Gedanken oder Verhaltensweisen (MDS-Gruppe) und solche ohne (MDNS-Gruppe). Suizidale Gedanken umfassten selbstberichtete Todeswünsche oder Pläne; Verhaltensweisen beinhalteten absichtliche Selbstverletzungen mit Todesabsicht.
Serum-Testosteronspiegel wurden mittels Blutentnahme innerhalb von 24 bis 72 Stunden nach Aufnahme bestimmt. Die Analysen erfolgten geschlechtsspezifisch und adjustierten für Störfaktoren wie Alter, Tabak- und Alkoholkonsum sowie Erkrankungsdauer. Eine Validierungsstichprobe mit 579 weiteren Patienten aus den Jahren 2022 und 2023 bestätigte die Ergebnisse und berücksichtigte zusätzlich den Body-Mass-Index.
Ergebnisse bei männlichen Jugendlichen
Bei männlichen Jugendlichen zeigte sich ein klarer Zusammenhang. In der primären Stichprobe (n=379 Männer) wiesen Jugendliche mit suizidalen Tendenzen signifikant höhere Testosteronspiegel auf: Median 4,989 ng/ml (Interquartilsabstand 3,984–6,661) in der MDS-Gruppe gegenüber 4,226 ng/ml (2,771–5,648) in der MDNS-Gruppe (Z = –4,340; p < 0,001).
Nach Adjustierung für Confounder betrug die Odds Ratio (OR) 1,220 (95 %-Konfidenzintervall 1,098–1,356). Die Validierungsanalyse bestätigte diesen Befund mit einer OR von 1,444 (95 %-KI 1,139–1,832). Der Effekt blieb stabil unabhängig von Alter, Substanzkonsum oder Krankheitsdauer.
Diese Daten deuten auf eine unabhängige Assoziation hin. Höhere Testosteronwerte könnten Impulsivität und emotionale Dysregulation verstärken, die in der vulnerablen Phase der Pubertät besonders ausgeprägt sind.
Kein Zusammenhang bei weiblichen Jugendlichen
Bei weiblichen Patientinnen (n=848 in der Primärstichprobe) ergab sich kein statistisch signifikanter Unterschied in den Testosteronspiegeln zwischen MDS- und MDNS-Gruppe (Z = 1,643; p = 0,100). Die SMD betrug lediglich 0,147 und lag damit unter einem kleinen Effekt.
Frauen berichteten insgesamt häufiger suizidale Gedanken als Männer. Dennoch korrelierte der Testosteronspiegel nicht mit dem Risiko. Andere Hormone wie Östrogen oder Progesteron könnten hier eine größere Rolle spielen, so die Autoren.
Biologische Mechanismen hinter dem Zusammenhang
Während der Adoleszenz steigt die Testosteronproduktion bei Jungen stark an. Dies beeinflusst die Reifung des limbischen Systems stärker als den präfrontalen Kortex, der für Impulskontrolle zuständig ist. Eine resultierende Diskrepanz kann Aggressivität und Impulsivität fördern.
Frühere Studien deuten darauf hin, dass Testosteron die Aktivität emotionaler Hirnzentren verstärkt. Genetische Varianten, die den Transport von Testosteron ins Gehirn beeinflussen, wurden bereits mit Suizidalität in Verbindung gebracht. Bei Jungen mit Depression könnte eine solche Interaktion das Risiko inward gerichteter Aggression erhöhen.
Limitationen der Untersuchung
Die Studie basiert ausschließlich auf retrospektiven Daten und kann daher keine Kausalität beweisen. Es bleibt unklar, ob erhöhte Testosteronspiegel suizidale Tendenzen verursachen oder ob Stress im Rahmen einer suizidalen Krise die Hormonproduktion nachträglich steigert.
Nur hospitalisierte Patienten mit schwerer Depression wurden einbezogen; Befunde lassen sich nicht ohne Weiteres auf ambulant behandelte Jugendliche übertragen. Lebensstilfaktoren wie Schlaf oder körperliche Aktivität wurden nicht vollständig erfasst. Zudem differenzierte die Studie nicht zwischen bloßen Gedanken und tatsächlichen Suizidversuchen.
Implikationen für die klinische Praxis und Forschung
Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung geschlechtsspezifischer Ansätze in der Depressionsbehandlung. Bluttests auf Testosteron könnten in Zukunft als ergänzender Marker dienen, um männliche Jugendliche mit erhöhtem Risiko zu erkennen. Dies würde die derzeit rein subjektiven Einschätzungen objektivieren.
Langfristig könnten prospektive Studien klären, ob Testosteronspiegel vor dem Auftreten suizidaler Symptome ansteigen. Für Mädchen sollten breitere Hormonprofile inklusive Menstruationszyklus berücksichtigt werden. Solche Erkenntnisse fördern eine personalisierte Psychiatrie.
Geschlechtsspezifische Unterschiede in Depression und Suizidalität
Männer weisen trotz niedrigerer Depressionsprävalenz höhere Suizidraten auf. Dieses Paradoxon könnte teilweise durch unterschiedliche biologische Pfade erklärt werden. Bei Jungen verstärkt Testosteron möglicherweise impulsives Verhalten, während bei Mädchen andere neuroendokrine Mechanismen dominieren.
Die Studie von Wang et al. liefert evidenzbasierte Hinweise auf diese Differenzen. Sie mahnt zu einer differenzierten Betrachtung jenseits einheitlicher Behandlungsprotokolle.
Zukünftige Forschungsrichtungen
Längsschnittstudien mit wiederholten Hormonmessungen sind erforderlich. Die Einbeziehung von Lebensstilvariablen und genetischen Faktoren könnte das Verständnis vertiefen. Multizentrische Untersuchungen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten würden die Generalisierbarkeit prüfen.
Insgesamt bietet die Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Biomarker-Forschung in der Jugendpsychiatrie. Sie öffnet den Weg zu präziserer Risikostratifizierung und potenziell wirksameren Präventionsstrategien.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Kann ein einzelner Bluttest auf Testosteron bereits heute suizidales Risiko vorhersagen? Nein, die aktuelle Evidenz zeigt lediglich eine Assoziation in hospitalisierten männlichen MDD-Patienten. Kausale Zusammenhänge sind nicht geklärt, und klinische Anwendung erfordert weitere Validierung in prospektiven Kohorten.
Welche anderen Hormone sollten bei depressiven Mädchen untersucht werden? Östrogen- und Progesteronschwankungen im Menstruationszyklus sowie Cortisol spielen eine größere Rolle. Zukünftige Studien könnten ein umfassendes Hormonpanel empfehlen, um weibliche Risikoprofile besser zu charakterisieren.
Beeinflusst die Pubertätsphase das Testosteron-Suizid-Risiko? Ja, die rasche Testosteron-Zunahme in der frühen bis mittleren Adoleszenz verstärkt möglicherweise die Vulnerabilität. Frühe versus späte Pubertät könnte modulierend wirken, was gezielte Altersstratifizierung in der Forschung notwendig macht.
Wie wirken sich Lebensstilfaktoren auf die Testergebnisse aus? Schlafstörungen, körperliche Inaktivität oder Substanzkonsum verändern Testosteronspiegel. Zukünftige Analysen sollten diese Variablen standardmäßig kontrollieren, um Verzerrungen zu minimieren.
Gibt es therapeutische Ansätze zur Modulation von Testosteron bei Risikopatienten? Derzeit existieren keine evidenzbasierten Interventionen. Medikamente, die Impulsivität senken, haben in früheren Studien Suizidrisiken reduziert; gezielte hormonelle Modulation bleibt experimentell und bedarf strenger ethischer Prüfung.
Können erhöhte Testosteronspiegel auch bei nicht-depressiven Jungen ein Suizidrisiko anzeigen? Die Studie untersuchte ausschließlich Jugendliche mit diagnostizierter Major Depressive Disorder. Bei gesunden oder nicht-depressiven Jungen liegen keine vergleichbaren Daten vor; eine Übertragung der Befunde ist daher nicht zulässig.
Sollten Eltern oder Ärzte bei depressiven Jungen routinemäßig Testosteron messen lassen? Noch nicht. Die Ergebnisse sind vielversprechend, aber prospektive Studien fehlen. Eine routinemäßige Messung ist derzeit nicht empfohlen; sie könnte jedoch in spezialisierten Settings als ergänzender Risikomarker diskutiert werden.
Unterscheiden sich die Testosteronwerte zwischen suizidalen Gedanken und tatsächlichen Suizidversuchen? Die Studie fasste suizidale Gedanken und Verhaltensweisen zusammen und differenzierte nicht feiner. Zukünftige Forschung sollte zwischen Ideation, Plänen und tatsächlichen Versuchen trennen, um präzisere Risikoprofile zu erstellen.
Quellen
Wang, H., Lyu, N., Huang, J., Fu, B., Shang, L., Yang, F., Zhang, L., & Zhao, Q. (2025). High testosterone levels associated with elevated suicidal risk in male adolescents with depression. BMC Psychiatry. https://doi.org/10.1186/s12888-025-07098-3
Eurostat. (2025). Young people – health – Statistics Explained. https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Young_people_-_health
Eurofound. (2025). Mental health: Risk groups, trends, services and policies. European Union Agency for the Improvement of Living and Working Conditions.
Kasperzack, D. (2026). Die Entwicklung der Suizidzahlen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. PubMed. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41665918/






