Eine neue Langzeitstudie zeigt, dass Veränderungen im Schlafverhalten hochaltriger Frauen, insbesondere ein abnehmender Nachtschlaf und eine zunehmende Schläfrigkeit über 24 Stunden, mit einem etwa doppelt so hohen Risiko für die Gesamtmortalität verbunden sind, was darauf hindeutet, dass solche Veränderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus nicht nur eine normale Begleiterscheinung des Alterns, sondern ein eigenständiger medizinischer Risikomarker sein könnten.
Die Studie im Überblick
Die im Fachjournal Communications Medicine veröffentlichte Untersuchung stammt aus der Study of Osteoporotic Fractures, einer Langzeitkohorte, die seit den Jahren 1986 bis 1988 weiße, in der Gemeinde lebende Frauen ab 65 Jahren begleitet. Für die aktuelle Analyse wurden 704 Frauen mit einem Durchschnittsalter von 82,5 Jahren eingeschlossen, die an zwei Untersuchungszeitpunkten, 2002 bis 2004 sowie 2006 bis 2008, ihren Schlaf mittels Aktigraphie am Handgelenk über mindestens drei aufeinanderfolgende Tage erfassen ließen.
Die Forschenden werteten neun Schlaf-Wach-Parameter aus drei Bereichen aus: den zirkadianen Ruhe-Aktivitäts-Rhythmus (Amplitude, Robustheit, Akrophase und Mesor), den nächtlichen Schlaf (Schlafeffizienz, nächtliches Wachliegen nach dem Einschlafen und Gesamtschlafzeit) sowie das Tagesschlafverhalten (Dauer und Häufigkeit von Nickerchen). Als primäre Endpunkte dienten die Gesamtmortalität und die kardiovaskuläre Mortalität; der Vitalstatus der Teilnehmerinnen wurde alle vier bis sechs Monate erfasst.
Drei Schlafprofile bei hochaltrigen Frauen
Mithilfe einer hierarchischen Clusteranalyse auf Hauptkomponenten identifizierten die Autorinnen und Autoren drei unterschiedliche Verlaufsmuster des Schlafverhaltens über den fünfjährigen Beobachtungszeitraum.
Stabiler Schlaf
Rund 44 Prozent der Teilnehmerinnen zeigten ein Profil mit stabilem Schlaf, das durch minimale Veränderungen oder sogar leichte Verbesserungen in den erfassten Parametern gekennzeichnet war. Dieses Kollektiv diente als Referenzgruppe für alle weiteren Risikoberechnungen.
Zunehmende Schläfrigkeit
Etwa 20,7 Prozent der Frauen wiesen ein Profil mit zunehmender 24-Stunden-Schläfrigkeit auf. Hierbei stiegen sowohl die nächtliche Schlafdauer als auch die Schlafeffizienz deutlich an, gleichzeitig nahmen Dauer und Häufigkeit von Tagesschlaf zu, während die zirkadiane Rhythmik an Stärke verlor. Frauen mit diesem Profil waren im Schnitt etwas älter und schnitten im kognitiven Screening, gemessen mit dem Modified Mini-Mental State Examination, schlechter ab als Frauen der beiden anderen Gruppen.
Abnehmender Nachtschlaf
Bei 35,7 Prozent der Teilnehmerinnen verschlechterten sich sowohl Dauer als auch Qualität des Nachtschlafs, während die zirkadiane Amplitude und Robustheit zurückgingen und der Tagesschlaf nur moderat zunahm. Dieses Profil wurde von den Forschenden als abnehmender Nachtschlaf bezeichnet.
Sterblichkeitsrisiko im Detail
Während einer medianen Nachbeobachtungszeit von 2,1 Jahren nach dem zweiten Untersuchungszeitpunkt verstarben 90 der insgesamt 704 Frauen, darunter 35 an kardiovaskulären Ursachen. Frauen mit dem Profil zunehmende Schläfrigkeit oder abnehmender Nachtschlaf hatten gegenüber der Gruppe mit stabilem Schlaf ein etwa doppelt so hohes Risiko, an irgendeiner Ursache zu versterben.
Nach vollständiger statistischer Anpassung an Alter, Bildung, funktionelle Einschränkungen, Bewegungsverhalten, subjektiven Gesundheitszustand, bestehende Erkrankungen sowie kognitive und depressive Symptome zeigte sich zudem, dass das Profil abnehmender Nachtschlaf signifikant mit einer erhöhten kardiovaskulären Mortalität assoziiert war, mit einer Hazard Ratio von 2,60 bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,03 bis 6,57. Für das Profil zunehmende Schläfrigkeit ließ sich dieser Zusammenhang mit der kardiovaskulären Sterblichkeit hingegen nicht bestätigen.
Auch einzelne Parameter für sich genommen waren aussagekräftig. Frauen mit einer stärkeren Abnahme der zirkadianen Amplitude oder Robustheit sowie einem deutlichen Anstieg der Nickerchendauer hatten, altersadjustiert betrachtet, ein höheres Sterberisiko als Frauen mit stabilem oder sich verbesserndem Schlafverhalten; nach vollständiger Adjustierung blieben allerdings nur der Zusammenhang mit der Nickerchendauer und das Profil abnehmender Nachtschlaf statistisch signifikant. Teilnehmerinnen mit zunehmender Nickerchenhäufigkeit oder abnehmender Gesamtschlafzeit hatten in den vollständig adjustierten Modellen ein mehr als doppelt so hohes Risiko für kardiovaskulären Tod.
In stratifizierten Analysen zeigte sich zudem, dass ein starker Anstieg der nächtlichen Gesamtschlafzeit bei Frauen mit bereits langer Ausgangsschlafzeit mit einem dreifach erhöhten Gesamtmortalitätsrisiko einherging. Ein deutlicher Rückgang der Schlafzeit war in dieser Untergruppe ebenfalls mit einem erhöhten Risiko für Gesamt- und kardiovaskuläre Mortalität verbunden, wobei die entsprechenden Interaktionstests keine statistische Signifikanz erreichten, sodass ein tatsächlich unterschiedlicher Effekt zwischen Frauen mit langer und kurzer Ausgangsschlafzeit nicht belegt werden konnte.
Warum Schlafveränderungen mehr als nur Alterung bedeuten
Die Forschenden betonen, dass Veränderungen im Schlaf-Wach-Verhalten bei hochaltrigen Frauen offenbar nicht zwangsläufig eine harmlose Folge des normalen Alterungsprozesses darstellen, sondern als eigenständiger Marker für ein erhöhtes Sterberisiko gelten könnten. Insbesondere die Kombination aus schwindender zirkadianer Rhythmik, sich verschlechterndem Nachtschlaf und zunehmendem Tagesschlaf scheint ein Signal für eine sich verschlechternde Gesundheit zu sein, das über das chronologische Alter hinausgeht.
Bereits aus früheren Untersuchungen ist bekannt, dass schlechte Schlafqualität, sehr kurze oder sehr lange Schlafdauer, ausgedehnter Tagesschlaf und eine geschwächte Ruhe-Aktivitäts-Rhythmik bei älteren Menschen mit einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko in Verbindung stehen. Neu an der vorliegenden Arbeit ist jedoch der longitudinale Ansatz: Statt eine einzelne Momentaufnahme zu betrachten, verfolgten die Autorinnen und Autoren, wie sich der Schlaf über fünf Jahre hinweg individuell veränderte, und konnten so zeigen, dass gerade die Richtung und das Ausmaß dieser Veränderung prognostisch bedeutsam sind.
Grenzen der Studie
Die Autorinnen und Autoren weisen selbst auf mehrere Einschränkungen hin. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lässt sich keine Kausalität ableiten; es ist denkbar, dass sich verändernde Schlafmuster eher ein Ausdruck einer bereits bestehenden, aber noch nicht diagnostizierten Erkrankung sind, als dass sie selbst ursächlich zur Sterblichkeit beitragen. Zudem war die Nachbeobachtungszeit mit median 2,1 Jahren vergleichsweise kurz, die Zahl der kardiovaskulären Todesfälle gering, die Erfassung der Schlafapnoe beruhte auf Selbstauskunft, und die Studienpopulation bestand ausschließlich aus weißen, in der Gemeinde lebenden Frauen. Diese Faktoren schränken die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen, etwa Männer oder Frauen anderer ethnischer Herkunft, deutlich ein.
Praktische Hinweise für Angehörige und Fachpersonal
Für Angehörige, Pflegepersonal und behandelnde Ärztinnen und Ärzte ergeben sich aus den Studienergebnissen einige praktische Ansatzpunkte:
- Auffällige Veränderungen im Schlafverhalten hochaltriger Frauen, etwa ein deutlich zunehmender Tagesschlaf oder ein sich verschlechternder Nachtschlaf, sollten nicht vorschnell als normale Alterserscheinung abgetan werden.
- Eine ärztliche Abklärung möglicher zugrunde liegender Ursachen, etwa beginnende kognitive Beeinträchtigungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder unbehandelte Schlafapnoe, kann sinnvoll sein.
- Eine kontinuierliche Beobachtung des Schlaf-Wach-Rhythmus, beispielsweise mittels tragbarer Aktigraphie, könnte künftig helfen, gesundheitliche Verschlechterungen frühzeitig zu erkennen.
- Regelmäßige Tagesstruktur, ausreichend Tageslicht und körperliche Aktivität gelten allgemein als unterstützend für einen stabilen zirkadianen Rhythmus im höheren Lebensalter.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was versteht man unter dem Begriff Aktigraphie? Aktigraphie ist eine Methode zur objektiven Erfassung von Bewegungsmustern über ein am Handgelenk getragenes Gerät, aus denen sich Schlaf- und Wachphasen sowie zirkadiane Aktivitätsrhythmen ableiten lassen, ohne dass eine Laborübernachtung notwendig ist.
Betreffen die Ergebnisse auch Männer im hohen Alter? Die vorliegende Studie untersuchte ausschließlich Frauen, sodass keine direkten Aussagen über vergleichbare Zusammenhänge bei Männern getroffen werden können; entsprechende Untersuchungen an gemischten oder rein männlichen Kohorten stehen noch aus.
Was ist der Unterschied zwischen zirkadianer Amplitude und Robustheit? Die Amplitude beschreibt, wie stark die Aktivität zwischen den aktivsten und den ruhigsten Tagesphasen schwankt, während die Robustheit angibt, wie konstant und vorhersagbar dieser Rhythmus von Tag zu Tag ist; beide nehmen im höheren Alter häufig ab.
Sollte man bei zunehmendem Tagesschlaf sofort in Sorge geraten? Ein einzelnes vermehrtes Nickerchen ist kein Grund zur Beunruhigung; relevant wird es laut der Studie erst bei einer deutlichen und anhaltenden Zunahme über mehrere Jahre, kombiniert mit weiteren Veränderungen im Schlafverhalten.
Welche Rolle spielt die Schlafapnoe in dieser Studie? Die Erfassung der Schlafapnoe erfolgte über Selbstauskunft der Teilnehmerinnen und nicht über eine polysomnografische Diagnostik, was die Autorinnen und Autoren selbst als Limitation der Arbeit benennen.
Quellen
Leng, Y., Milton, S., & Yaffe, K., et al. (2026). Multidimensional sleep-wake changes and risk of all-cause and cardiovascular disease mortality in oldest-old women. Communications Medicine. https://doi.org/10.1038/s43856-026-01789-y
News-Medical.Net. (2026, 29. Juli). When sleep changes in women over 80, it may signal more than aging. Abgerufen am 30. Juli 2026 von https://www.news-medical.net/news/20260729/When-sleep-changes-in-women-over-80-it-may-signal-more-than-aging.aspx






