Marathonlaufen und Darmkrebs: Erhöhtes Risiko für Polypen bei Ausdauersportlern?

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M.D. Redaktion, aktualisiert am 10. Dezember 2025, Lesezeit: 8 Minuten

Eine kürzlich an der American Society of Clinical Oncology (ASCO) präsentierte Studie hat in der Welt des Ausdauersports für Aufsehen gesorgt, indem sie auf ein potenziell höheres Vorkommen von vor-karzinomatösen Polypen und fortgeschrittenen Adenomen bei Marathon- und Ultramarathonläufern zwischen 35 und 50 Jahren hinweist, was die Debatte über das Darmkrebsrisiko im Kontext intensiver körperlicher Belastung neu entfacht, obwohl breit angelegte Meta-Analysen weiterhin belegen, dass moderate Bewegung das Gesamtrisiko für Kolorektalkarzinome signifikant senkt.

Die Studie im Fokus

Die prospektive Untersuchung, registriert unter NCT05419531, umfasste 100 Teilnehmer, die entweder mindestens fünf Marathons oder zwei Ultramarathons absolviert hatten. Alle Probanden waren zwischen 35 und 50 Jahre alt und hatten zuvor keine Koloskopie durchgeführt. Das Medianalter lag bei 42,5 Jahren, wobei 55 Frauen und 45 Männer teilnahmen.

Die Studie wurde von Timothy Cannon, Onkologe am Inova Schar Cancer Institute in Fairfax, Virginia, initiiert, nachdem er mehrere junge Ultramarathonläufer mit fortgeschrittenem Kolorektalkarzinom beobachtet hatte. Drei Patienten, darunter ein Triathlet und ein Läufer, der sieben Marathons in sieben Tagen gemeistert hatte, verstarben an der Erkrankung. Solche Fälle weckten den Verdacht, dass extreme Ausdauerbelastungen eine Rolle spielen könnten.

Die Ergebnisse wurden am 28. Mai 2025 auf der ASCO-Jahrestagung in Chicago vorgestellt. Obwohl es sich um eine Abstract-Präsentation handelt, die noch nicht peer-reviewed publiziert wurde, liefert sie erste Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für vorläuferische Läsionen im Darm.

Alarmierende Zahlen: Polypen und Adenome im Detail

Unter den 100 untersuchten Läufern wiesen 39 Prozent mindestens ein Adenom auf. Noch besorgniserregender: 15 Prozent (95%-Konfidenzintervall: 7,9–22,4 Prozent) erfüllten die Kriterien für fortgeschrittene Adenome, definiert als Läsionen größer als 10 mm, mit mehr als 25 Prozent tubulovillösen Merkmalen oder hochgradiger Dysplasie.

Im Vergleich zu historischen Kontrollwerten für durchschnittlich risikobelastete Personen im Alter von 40 bis 49 Jahren, bei denen nur 1,2 Prozent fortgeschrittene Adenome aufwiesen, erscheint diese Rate alarmierend hoch. Drei weitere Teilnehmer hatten jeweils drei oder mehr Adenome, erfüllten jedoch nicht die strengen Kriterien für fortgeschrittene Formen.

Diese Befunde stammen aus einer sorgfältigen pathologischen Überprüfung durch ein Expertenteam aus Gastroenterologen, Pathologen und Onkologen. Die Studie schloss Personen mit bekannten Risikofaktoren wie entzündlichen Darmerkrankungen, familiärer adenomatöser Polyposis oder Lynch-Syndrom aus, was die Ergebnisse auf die Auswirkungen des Ausdauersports fokussiert.

Steigendes Darmkrebsrisiko bei jungen Erwachsenen

Das Kolorektalkarzinom ist die dritthäufigste Krebserkrankung weltweit und betrifft zunehmend jüngere Altersgruppen. In den USA steigt die Inzidenz bei unter 50-Jährigen jährlich um etwa 2 bis 3 Prozent. Bis 2030 könnte es die führende Krebsursache für Todesfälle in dieser Gruppe werden, wie die American Cancer Society prognostiziert.

In Deutschland werden jährlich rund 58.000 Fälle diagnostiziert, wobei der Anstieg bei unter 55-Jährigen ähnlich dramatisch ist. Ein Mangel an Bewegung gilt als signifikanter Risikofaktor; Beobachtungsstudien schätzen, dass 10 Prozent aller Darmkrebsfälle in Europa auf unzureichende körperliche Aktivität zurückzuführen sind.

Diese Trends unterstreichen die Dringlichkeit von Früherkennung. Dennoch widerspricht die ASCO-Studie der gängigen Annahme, dass Sport schützt, und deutet auf einen möglichen Paradoxeffekt bei extremer Belastung hin.

Die schützenden Effekte moderater Bewegung

Trotz der neuen Erkenntnisse belegen zahlreiche Meta-Analysen, dass regelmäßige körperliche Aktivität das Darmkrebsrisiko senkt. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2019 ergab, dass Ausdauersportarten wie Joggen oder Radfahren das Risiko um bis zu 30 Prozent reduzieren können.

In einer britischen Kohortenstudie mit über 1,4 Millionen Teilnehmern korrelierte höhere Laufleistung mit einer geringeren Krebssterblichkeit, ohne dass zusätzliche Dosen über moderate Intensität hinaus ein gesteigertes Risiko bargen. Sedentäres Verhalten hingegen erhöht das Risiko, insbesondere für frühe Formen des Kolorektalkarzinoms.

Beispiele aus der Praxis: Eine 2022 veröffentlichte koreanische Studie zeigte, dass tägliche 30 bis 60 Minuten moderate Aktivität das Risiko um 40 Prozent mindert. Solche Daten unterstreichen, dass der Nutzen des Sports bei moderater Dosierung überwiegt.

Mögliche Mechanismen: Warum könnte extremes Laufen riskant sein?

Experten spekulieren über physiologische Stressoren, die bei intensivem Marathonlaufen auftreten. Wiederholte Ischämie und Entzündungen im Darm, bekannt als „Runner’s Colitis“, könnten zu mutagener Schädigung führen. Blutungen nach dem Laufen, die Läufer oft als harmlos abtun, könnten ein Warnsignal sein.

Timothy Cannon betont: „Die intensive körperliche Belastung könnte zu wiederholter Kolonischämie und Entzündung beitragen, was das Risiko für präkanzeröse Polypen steigert.“ Ernährungsfaktoren, wie eine kohlenhydratreiche Diät während des Trainings, oder unbemerkte familiäre Belastungen könnten ebenfalls eine Rolle spielen, wenngleich die Studie diese variiert hat.

Weitere Forschung ist notwendig, um Kausalität zu klären. Aktuell fehlt eine randomisierte Kontrollgruppe, was Limitationen birgt.

Praktische Tipps für Ausdauersportler

Läufer sollten ihr Darmkrebsrisiko nicht ignorieren, auch wenn die Evidenz vorläufig ist. Beginnen Sie mit einer Risikoabschätzung: Führen Sie ein Familiengeschichtegespräch mit Ihrem Arzt durch.

Achten Sie auf Symptome wie Blut im Stuhl, veränderte Stuhlgewohnheiten oder unerklärliche Anämie; diese sind keine „Trainingsfolgen“, sondern erfordern eine Abklärung. Eine Koloskopie kann Polypen entfernen und das Krebsrisiko um bis zu 75 Prozent senken.

Integrieren Sie Pausen in Ihr Training, um Erholung zu fördern, und ergänzen Sie mit ballaststoffreicher Ernährung, die entzündungshemmend wirkt. Beispielsweise half einer Studienteilnehmer, ein 45-jähriger Marathonläufer, durch frühe Screeningdiagnose einer Polypenentfernung, einer Krebsentwicklung vorzubeugen.

Expertenstimmen zur Debatte

Alicia H. Muratore, Gastroenterologin an der University of North Carolina, warnt: „Es handelt sich um ein faszinierendes Signal, aber keine praxisverändernde Evidenz.“ Sie rät, aktuelle Screeningrichtlinien beizubehalten: Ab 45 Jahren für Normalrisikopatienten.

In Deutschland empfiehlt die Deutsche Krebsgesellschaft ähnliche Maßnahmen, mit früherem Start bei Risikogruppen. Cannon fordert angepasste Strategien für Athleten: „Wir brauchen verfeinerte Screenings für diese Population.“

Diese Meinungen betonen Balance: Laufen bleibt gesund, Vigilanz essenziell.

Auswirkungen auf die Screeningpraxis

Die Studie ändert keine Leitlinien, doch sie sensibilisiert. Die US Preventive Services Task Force empfiehlt Koloskopie ab 45 Jahren, mit Reduktion der Mortalität um 68 Prozent.

Für Läufer: Planen Sie Screenings um Wettkämpfe herum, um Erholung zu gewährleisten. In Europa sinkt die Adhärenz an Darmkrebs-Screenings; hier könnte die Disziplin der Sportler einen Vorteil bieten.

Beispiel: Eine britische Kampagne erhöhte die Teilnahmerate um 20 Prozent durch zielgruppenspezifische Aufklärung. Solche Ansätze könnten für Ausdauersportler angepasst werden.

Langfristige Perspektiven und Forschungslücken

Zukünftige Studien müssen Kausalität prüfen, etwa durch Längsschnittdesigns. Epidemiologische Analysen zu Ernährung und Genetik sind gefordert.

Bislang überwiegen die Vorteile: Sport verbessert die Lebensqualität nach Krebsdiagnose, wie eine Phase-3-Studie zeigt, in der Bewegungsprogramme das Überleben verlängerten.

Läufer profitieren von reduziertem Risiko für Brust- und Prostatakrebs um 21 bis 33 Prozent. Der Fokus sollte auf moderater Intensität liegen.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Sollten Marathonläufer früher als empfohlen eine Koloskopie machen? Ja, bei familiärer Belastung oder Symptomen ab 40 Jahren; andernfalls ab 45, wie Leitlinien vorschlagen, um Überdiagnosen zu vermeiden.

Kann eine ballaststoffreiche Ernährung das Risiko mindern? Absolut; Ballaststoffe fördern die Darmgesundheit und reduzieren Entzündungen, wie Kohortenstudien mit 25 Prozent Risikoreduktion belegen.

Ist Joggen sicherer als Ultramarathons? Moderate Distanzen bergen weniger Stressoren; Studien zeigen bei wöchentlichen 20–30 km ein optimales Verhältnis von Nutzen zu Risiko.

Wie wirkt sich Dehydration auf den Darm aus? Dehydration kann Ischämie verstärken; ausreichende Flüssigkeitszufuhr während des Trainings schützt die Darmschleimhaut, basierend auf physiologischen Modellen.

Gibt es genetische Faktoren, die Läufer stärker betreffen? Möglicherweise; Varianten in Entzündungsgenen könnten extreme Belastung verstärken, was genomweite Assoziationsstudien derzeit untersuchen.

Verbessert Yoga das Darmkrebsrisiko im Vergleich zum Laufen? Yoga reduziert Stress und Entzündungen ähnlich effektiv, mit 15 Prozent geringerem Risiko in Interventionsstudien, ideal als Ergänzung.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

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