Lernen zu sterben

Psychische Gesundheit

Dirk de Pol, Beitrag vom 3. Januar 2022

In seinem Essay Learning to Die in the Anthropocene[1] redet der US-Schriftsteller Roy Scranton Klartext. Während seiner Dienstzeit in der Armee, die für ihn im Irak mit dem täglichen Bewusstsein verbunden war, jederzeit getötet werden zu können, hat er gelernt, mit schlechten Nachrichten umzugehen. Was un­sere Zukunft betrifft, ist er zutiefst pessimistisch.

Für Scranton geht es nicht nur um den Anstieg der Meere, sondern auch um sekundäre Effekte des Klimawandels und die Probleme, die mit der menschlichen Überbevölkerung und unserer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zusammenhängen. Was können wir heute tun, um den immer größer werdenden Schaden zu mildern oder sogar aufzuhalten, fragt sich Scranton.

In seinem späteren Essay Raising a Daughter in a Doomed World[2] schreibt er, dass es darum gehe, so vielen Menschen wie möglich das Bewusstsein zu vermitteln, dass unsere kapitalistisch geprägte Zivilisation dem Untergang geweiht ist, denn nur das motiviere uns, Wege zu finden, wie sich unsere de­struktive Zivilisation in etwas anderes verwandelt. Er schreibt: „Je mehr wir versuchen, an einer alten Art, Dinge zu tun, festzuhalten, desto unvorbereiteter werden wir auf den Wandel sein, der kommen wird.“

Unsere einzig noch vertretbare freie Wahl besteht für Scranton darin, für den Fortbestand der gesamten Menschheit und aller Le­bewesen zu arbeiten, auch wenn wir dabei mit sehr großer Wahr­scheinlichkeit scheitern werden. Genau diese Widersprüch­lichkeit seines Aufrufes zu einem Kampf, den wir letztlich sicher verlieren werden, begründet das Echo, das Scranton ausgelöst hat.

Ja, es geht ihm um einen heilsamen Schock. Tatsächlich lösen wir mit einer globalen Erwärmung um sechs Grad einen unkontrollierbaren Erwärmungsprozess aus, der unsere Biosphäre und das menschliche Leben, wie wir es kennen, vollständig auslöscht.

Doch haben wir nicht doch noch Handlungsmöglichkeiten? Noch könnten wir auf Erdwärme, Wind, Sonne und zur Not auch Atomkraft umsteigen. Wir könnten persönlich viel weniger Fleisch essen und fossile Brennstoffe vermeiden. Wir bräuchten Pflanzen, die Trockenheit und Hitze besser vertragen. Wir müssten Wald- und Buschlandgebiete wiederherstellen und Schutzgebiete in Wälder und im Meer stark ausweiten.

Einige Transhumanisten gehen sogar noch weiter. Sie wollen, dass wir uns freiwillig so verändern, dass wir weniger Erderwärmung verursachen. Gentechnisch hergestellte Fleischallergien und reduzierte Körpergröße, aber auch pharmazeutisch gesteigerte Empathie und Uneigennützigkeit sollen es richten.[3]

Doch das ist nicht die desillusionierte Perspektive, die uns Scranton eröffnet: Die Klimakatastrophe ist nicht mehr aufzuhalten. Unsere Zivilisation wird unausweichlich sterben, auch wenn unsere Spezies vielleicht in einer biologisch, kulturell oder institutionell anderen Form stark reduziert weiterleben könnte.

Scranton versucht eine Antwort auf die Frage zu geben, wie wir mit dem unvermeidlichen Niedergang der Zivilisation, dro­hen­den Völkerwanderungen und Ressourcenknappheit umgehen können, ohne uns vor der Zeit selbst gegenseitig zu zerfleischen.

Seine einfache Antwort lautet: wir und unsere Kultur sind nicht nur sterblich, sondern bereits tot. Nur dieses gleichsam täglich gepflegte antizipierende Bewusstsein des Todes lässt uns vorbereitet und wach­sam genug sein, das Schlimmste so lange wie möglich zu verhindern, unsere Restlaufzeit zu verlängern und dennoch auch zu genießen.

 

[1] Learning to Die in the Anthropocene: Reflections on the End of Civilization, 2015

[2] In: New York Times, 18. Juli 2018

[3] Liao, M. S., Sandberg, A. & Roache, R. (2012). „Human Engineering and Climate Change“. In: Ethics, Policy & Environment, 15 (2), S. 206-221

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