Langfristiges Übergewicht erhöht das Herzrisiko stärker als ein einmaliger BMI-Wert

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Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 9. April 2026, Lesezeit: 8 Minuten

Eine neue Studie des renommierten Forschungsverbundes Mass General Brigham zeigt, dass die kumulative Exposition gegenüber Übergewicht über viele Jahre hinweg ein deutlich verlässlicherer Prädiktor für kardiovaskuläre Erkrankungen ist als eine einzelne BMI-Messung, wobei das Risiko bei jüngeren Erwachsenen besonders ausgeprägt ist und die Ergebnisse zugleich belegen, dass eine dauerhafte Gewichtsreduktion die Herzgesundheit nachweislich verbessern kann.

Was die Forschung wirklich zeigt

Seit Jahrzehnten gilt Übergewicht als anerkannter Risikofaktor für Herzerkrankungen. Doch die bisherige klinische Praxis stützte sich häufig auf eine einzige Momentaufnahme: den Body-Mass-Index (BMI) zu einem bestimmten Zeitpunkt. Eine im Fachjournal PLOS One (April 2026) veröffentlichte Studie stellt diesen Ansatz grundlegend infrage.

Die Forschungsgruppe unter der Leitung von Dr. Alexander Turchin, MD, MS, aus der Abteilung für Endokrinologie bei Mass General Brigham analysierte Daten von 136.498 Studienteilnehmenden aus zwei etablierten Langzeitstudien: der Nurses‘ Health Study und der Health Professionals Follow-Up Study.

Studiendesign: Langzeitbeobachtung über fast drei Jahrzehnte

Wer wurde untersucht?

Alle Teilnehmenden wiesen zu Studienbeginn im Jahr 1990 einen Ausgangs-BMI von über 25 kg/m² auf, gelten also klinisch als übergewichtig. Das Alter der Frauen lag bei Studienbeginn zwischen 25 und 69 Jahren, das der Männer zwischen 43 und 80 Jahren.

Wie wurde gemessen?

Die Forscherinnen und Forscher berechneten die kumulative Übergewichtsexposition über einen Zeitraum von zehn Jahren: Sie mitteln dazu alle verfügbaren BMI-Werte der Teilnehmenden zwischen 1990 und 2000. Ab dem Jahr 2000 begann die Nachbeobachtungsphase für kardiovaskuläre Ereignisse, die im Durchschnitt 16,7 Jahre andauerte.

Was wurde als Ereignis gewertet?

Als kardiovaskuläre Ereignisse zählten unter anderem Herzinfarkt und Schlaganfall. Innerhalb des Beobachtungszeitraums erlitten 12.048 der 136.498 Teilnehmenden (8,8 %) ein solches Ereignis.

Die zentralen Befunde: Alter ist entscheidend

Jüngere Frauen tragen das höchste Risiko

Der Zusammenhang zwischen kumulativem Übergewicht und erhöhtem Herzerkrankungsrisiko war am stärksten bei jüngeren Altersgruppen ausgeprägt. Die Daten zeigen:

  • Frauen unter 35 Jahren bei Studienbeginn: 60 % höheres Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen bei hoher kumulativer Übergewichtsexposition.
  • Frauen zwischen 35 und 50 Jahren: 27 % erhöhtes Risiko.
  • Männer zwischen 35 und 65 Jahren: 23 % erhöhtes Risiko.
  • Frauen über 50 und Männer über 65 Jahren: kein statistisch signifikanter Zusammenhang nachweisbar.

Was bedeutet das konkret?

Diese Befunde verdeutlichen: Je früher im Leben Übergewicht dauerhaft besteht, desto stärker akkumuliert sich der biologische Schaden an Herz und Gefäßen. Ein einzelner BMI-Wert beim Arzttermin bildet diese Dynamik nicht ab.

Warum der kumulative Ansatz überlegen ist

Das Problem mit dem BMI als Momentaufnahme

Der BMI ist ein weit verbreitetes, jedoch vereinfachendes Maß. Er misst das Körpergewicht in Relation zur Körpergröße, berücksichtigt jedoch weder Körperfettverteilung noch zeitliche Entwicklung. Zwei Personen mit identischem BMI können eine völlig unterschiedliche Herzerkrankungsgeschichte haben, wenn eine von ihnen jahrelang ein höheres Gewicht hatte.

Chronische Entzündung als Bindeglied

Wissenschaftlich ist bekannt, dass anhaltend erhöhtes Körpergewicht chronische Entzündungsprozesse, Insulinresistenz sowie Veränderungen im Lipid- und Blutdruckprofil begünstigt. Diese Mechanismen wirken nicht einmalig, sondern kumulieren über Jahre hinweg und hinterlassen messbare Spuren im Gefäßsystem.

Gewichtsreduktion: Eine Chance, das Risiko zu senken

Positive Botschaft aus den Daten

Eine der bedeutsamsten Implikationen der Studie ist ihre umgekehrte Lesart: Wenn dauerhaftes Übergewicht das Risiko erhöht, dann senkt dauerhaftes Normalgewicht, beziehungsweise eine nachhaltige Gewichtsabnahme, dieses Risiko nachweislich.

Dr. Turchin formulierte es so: Übergewicht zu einem bestimmten Zeitpunkt bedeutet kein unveränderliches Schicksal. Was langfristig mit dem Körpergewicht geschieht, ist für die Herzgesundheit entscheidend.

Was Betroffene tun können

Die Studienergebnisse legen nahe, dass folgende Maßnahmen das kardiovaskuläre Risiko langfristig beeinflussen:

  • Frühzeitige Gewichtskontrolle: Besonders vor dem 35. Lebensjahr kann eine Normalisierung des Körpergewichts das lebenslange Herzrisiko erheblich verringern.
  • Regelmäßige ärztliche Begleitung: Eine einmalige BMI-Messung reicht nicht aus; Gewichtsentwicklungen sollten über Jahre beobachtet und dokumentiert werden.
  • Nachhaltige Lebensstilanpassungen: Moderate, dauerhafte Änderungen in Ernährung und körperlicher Aktivität haben nachweislich eine stärkere Schutzwirkung als kurzfristige Diäten.
  • Systemische Prävention: Kliniker sollten Patienten motivieren, Übergewicht nicht als statischen Zustand, sondern als veränderliche Größe zu betrachten.

Einordnung und Limitationen

Stärken der Studie

Die Studie überzeugt durch ihre außergewöhnliche Stichprobengröße von über 136.000 Personen, den langen Beobachtungszeitraum von durchschnittlich 16,7 Jahren sowie die Verwendung zweier etablierter prospektiver Kohortenstudien mit hoher Datenqualität.

Einschränkungen

Die Teilnehmenden beider Ausgangsstudien waren überwiegend weiße Angehörige von Gesundheitsberufen; die Übertragbarkeit auf andere ethnische Gruppen und Bevölkerungsschichten bleibt eingeschränkt. Zudem basieren die BMI-Angaben teils auf Selbstauskunft, was Messungenauigkeiten mit sich bringen kann. Die Finanzierung der Studie erfolgte durch Eli Lilly and Company; mehrere Autoren sind Mitarbeitende oder Aktionäre des Unternehmens, was bei der Interpretation zu berücksichtigen ist. Interessenkonflikte wurden offengelegt.

Bedeutung für die klinische Praxis

Diese Forschungsergebnisse fordern ein Umdenken in der kardiovaskulären Risikobeurteilung. Anstatt den BMI nur zu einem einzigen Zeitpunkt zu erheben, sollten Klinikerinnen und Kliniker die Gewichtsbiografie eines Patienten systematischer erfassen.

Bestehende Risikokalkulatoren für Herzerkrankungen, wie etwa der Framingham Risk Score, berücksichtigen aktuell kein kumulatives Übergewichtsmaß. Die vorliegende Studie liefert ein wissenschaftliches Argument dafür, dies künftig zu ändern.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was versteht man unter kumulativer Übergewichtsexposition? Damit ist gemeint, wie lange und in welchem Ausmaß eine Person über einen definierten Zeitraum hinweg übergewichtig war. In dieser Studie wurde der Durchschnitt der BMI-Werte über zehn Jahre berechnet, nicht nur ein einzelner Messwert.

Ab welchem BMI gilt man in dieser Studie als übergewichtig? Alle Studienteilnehmenden hatten einen Ausgangs-BMI von mehr als 25 kg/m², was der klinischen Definition von Übergewicht entspricht. Adipositas beginnt laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ab einem BMI von 30 kg/m².

Warum ist das Risiko bei jüngeren Frauen höher als bei älteren? Die genauen biologischen Mechanismen wurden in der Studie nicht untersucht. Eine mögliche Erklärung ist, dass jüngere Menschen bei Übergewicht noch mehr Lebensjahre vor sich haben, in denen Schädigungsprozesse akkumulieren können. Bei älteren Personen könnten auch Selektionseffekte eine Rolle spielen, da gefährdetere Individuen möglicherweise bereits früher erkrankt sind.

Bedeutet das, dass Übergewicht im Alter kein Risiko mehr darstellt? Nein. Die Studie fand lediglich keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen kumulativem Übergewicht und Herzerkrankungen für Frauen über 50 und Männer über 65 Jahren in dieser spezifischen Stichprobe. Das bedeutet nicht, dass Übergewicht im Alter harmlos ist; andere Studien belegen weiterhin ein erhöhtes Risiko für Diabetes, Gelenkerkrankungen und andere Folgeerkrankungen.

Wie unterscheidet sich diese Studie von früheren Untersuchungen zum Thema BMI und Herzgesundheit? Die meisten früheren Studien nutzten den BMI als einmalige Messung. Diese Studie misst erstmals systematisch den zeitlichen Verlauf der Gewichtsentwicklung über eine Dekade und verknüpft diesen mit kardiovaskulären Ereignissen über einen weiteren Beobachtungszeitraum von durchschnittlich fast 17 Jahren.

Kann eine Gewichtsabnahme das erhöhte Risiko wieder ausgleichen? Die Studienergebnisse legen nahe, dass eine Reduktion der kumulativen Übergewichtsexposition, also eine dauerhafte Gewichtsabnahme, mit einer Verbesserung der kardiovaskulären Prognose verbunden sein kann. Direkte Interventionsdaten liefert diese Beobachtungsstudie jedoch nicht; randomisierte kontrollierte Studien wären für eine abschließende Antwort erforderlich.

Welche Altersgruppe profitiert am stärksten von einer Gewichtsabnahme? Basierend auf den Studiendaten scheinen jüngere Erwachsene, insbesondere Frauen unter 35 Jahren, am stärksten von einer frühzeitigen Normalisierung des Körpergewichts zu profitieren, da bei ihnen das kumulative Risiko am ausgeprägtesten war.

Quellen

Turchin, A., Shubina, M., Morrison, F., Ahmad, N. N., Neff, L. M., & Kan, H. (2026). Cumulative excess weight exposure over time and cardiovascular risk: A prospective cohort study. PLOS One. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0344620

Mass General Brigham. (2026, April 8). Long-term obesity associated with risk of cardiovascular disease, especially in younger adults [Press release]. https://www.massgeneralbrigham.org/en/about/newsroom/press-releases/long-term-obesity-cardiovascular-risk-in-younger-adults

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