ADHS bei Erwachsenen: Symptome und die Sicht auf die eigene Diagnose

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M.A. Dirk de Pol, aktualisiert am 28. September 2026, Lesezeit: 8 Minuten

Wie Erwachsene mit ADHS ihre Diagnose bewerten, hängt offenbar damit zusammen, welche Symptome bei ihnen überwiegen. Eine im Journal of Attention Disorders veröffentlichte Studie mit drei Stichproben und insgesamt 335 Erwachsenen fand, dass stärkere Hyperaktivität und Impulsivität in allen Stichproben mit positiveren Einstellungen zur eigenen ADHS einhergingen, während der Zusammenhang mit Unaufmerksamkeit uneinheitlich blieb. Die Daten stammen aus Selbstauskünften und einer einmaligen Erhebung; sie zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen, und sie belegen nicht, dass ADHS objektive Vorteile mit sich bringt.

Hintergrund: Von den Belastungen zu den positiven Seiten

ADHS ist eine neuroentwicklungsbedingte Störung, die in der Kindheit beginnt und häufig bis ins Erwachsenenalter fortbesteht. Diagnostisch werden zwei Symptombereiche unterschieden: Unaufmerksamkeit, etwa Schwierigkeiten, die Konzentration zu halten oder sich zu organisieren, sowie Hyperaktivität und Impulsivität, etwa Unruhe oder Handeln ohne Nachdenken.

Je nach Schätzung sind etwa 5 bis 6 Prozent der Kinder und 2 bis 2,5 Prozent der Erwachsenen betroffen.

Die Forschung konzentrierte sich lange auf die Belastungen, darunter Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation, in Beziehungen sowie in Schule und Beruf. Die Neurodiversitätsbewegung versteht ADHS dagegen als Variation der Hirnfunktion und hat die Frage gestärkt, ob Betroffene auch positive Seiten erleben.

Qualitative Studien deuten darauf hin. Sedgwick und Kollegen (2018) befragten sechs erwachsene Männer mit ADHS, die als beruflich erfolgreich galten; sie nannten unter anderem Dynamik, Energie und Widerstandskraft. Die Stichprobe war sehr klein und bewusst auf erfolgreiche Personen beschränkt, weshalb sich daraus wenig verallgemeinern lässt.

Breiter angelegt war eine niederländische Befragung von 206 Erwachsenen mit ADHS (Schippers et al., 2022). Fast alle nannten mindestens einen positiven Aspekt, am häufigsten Kreativität, Energie und Begeisterungsfähigkeit. Die Teilnehmenden stammten aus einer Patientenorganisation, die Rücklaufquote lag bei 26 Prozent, und die Angaben waren subjektiv.

Wie die Studie aufgebaut war

Ein Team um Gili Katabi und Nitzan Shahar entwickelte einen Fragebogen, die Positive Attitudes Toward ADHD Scale (PATAS). Das Vorhaben wurde von der Ethikkommission der Universität Tel Aviv genehmigt. Die Items stützen sich auf Themen aus früheren qualitativen Studien, zum Beispiel Kreativität, Energie und Resilienz, und wurden auf einer fünfstufigen Skala bewertet.

Die Skala startete mit 13 Items; eines wurde wegen schwacher Korrelation mit den übrigen entfernt. Die interne Konsistenz (Cronbachs Alpha) lag in den drei Stichproben zwischen 0,79 und 0,89. In der dritten Stichprobe betrug die Test-Retest-Korrelation bei durchschnittlich rund neun Tagen Abstand 0,89.

Getestet wurde in drei Gruppen:

  • 84 junge Erwachsene in Israel (Durchschnittsalter etwa 24 Jahre)
  • 125 Erwachsene in Israel, deren ADHS zusätzlich in einem strukturierten Telefoninterview (DIVA-5) bestätigt wurde; Personen mit starkem Alkohol- oder Cannabiskonsum wurden ausgeschlossen
  • 126 englischsprachige Erwachsene aus 24 Ländern, rekrutiert über eine Online-Plattform, deren Diagnoseangaben anhand von Freitextantworten geprüft wurden

Die Häufigkeit der Symptome in den vergangenen sechs Monaten wurde mit der Adult ADHD Self-Report Scale (ASRS) erfasst. Ausgewertet wurde mit bayesscher Statistik: Statt Signifikanztests berichten die Autoren Kredibilitätsintervalle, die die Unsicherheit der Schätzungen sichtbar machen.

Die zentralen Ergebnisse

Mehr Symptome, positivere Einstellung

Über alle Symptome hinweg gingen häufigere Symptome mit positiveren Einstellungen einher. Die Korrelationen lagen bei 0,25, 0,35 und 0,17; in der dritten Stichprobe schloss das Intervall den Wert null knapp ein (−0,01 bis 0,35). Die Autoren hatten das Gegenteil erwartet.

Hyperaktivität und Impulsivität

Bei getrennter Betrachtung beider Symptombereiche zeigte sich ein konsistentes Muster: Mehr Hyperaktivität und Impulsivität ging in allen drei Stichproben mit positiveren Einstellungen einher, auch nach Berücksichtigung der Unaufmerksamkeit. Die geschätzten Koeffizienten lagen zwischen 0,34 und 0,57, und keines der 95-Prozent-Intervalle schloss null ein.

Unaufmerksamkeit

Bei Unaufmerksamkeit fiel das Bild uneinheitlich aus. In der ersten Stichprobe zeigte sich eine schwache negative Tendenz (Koeffizient −0,19; Intervall −0,44 bis 0,05), in der zweiten praktisch kein Zusammenhang (0,06), und nur in der dritten, online rekrutierten Stichprobe ein klar negativer (−0,39; Intervall −0,59 bis −0,20). Von einer durchgängig weniger positiven Sicht bei Unaufmerksamkeit kann daher nicht die Rede sein.

Kontrolle der allgemeinen Lebenszufriedenheit

Um auszuschließen, dass die Skala nur eine allgemein zufriedene Grundhaltung misst, erhoben die Forschenden bei 35 Teilnehmenden der zweiten Stichprobe die Lebenszufriedenheit. Der Zusammenhang zwischen Hyperaktivität und Impulsivität und der Einstellung zur ADHS blieb in der Richtung bestehen (Koeffizient 0,38), doch das Intervall reichte von −0,03 bis 0,79. Wegen der kleinen Teilstichprobe ist das ein Hinweis, kein Beleg.

Was die Ergebnisse nicht zeigen

Die Studie erfasste Symptome und Einstellungen zu einem einzigen Zeitpunkt. Ob Symptome die Einstellung beeinflussen oder umgekehrt, lässt sich daraus nicht ableiten; die Autoren nennen Längsschnittstudien als nächsten Schritt.

Zudem misst die PATAS Meinungen, keine Fähigkeiten. Wer bei sich Kreativität oder Flexibilität wahrnimmt, schneidet nicht automatisch in Verhaltenstests besser ab. Verhaltensstudien liefern nach der Darstellung der Autoren gemischte Befunde: In manchen Stichproben zeigte sich ein besseres divergentes Denken, während konvergentes Denken oft unverändert oder schwächer war.

Auch die Stichproben setzen Grenzen. Die Teilnehmenden waren im Mittel zwischen 24 und 28 Jahre alt, in den beiden israelischen Gruppen überwogen Frauen (63 von 84 beziehungsweise 95 von 125). In der Online-Stichprobe gaben 53 Prozent Depressionen und 50 Prozent Angststörungen an, während in den ersten beiden Gruppen andere psychische Störungen ein Ausschlusskriterium waren. Die Ergebnisse gelten nur für Erwachsene.

Schließlich passen die meisten Items der Skala nach Angaben der Autoren eher zu Hyperaktivität und Impulsivität. Fragen zum Hyperfokus fehlten, was die Ergebnisse möglicherweise von der Unaufmerksamkeit weggelenkt hat.

Mögliche Erklärungen sind bislang Hypothesen

Die Autoren diskutieren mehrere Deutungen, ohne eine davon geprüft zu haben. Möglich sei, dass stärker ausgeprägte Symptome zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit der eigenen ADHS führen und so auch positive Seiten sichtbarer machen. Denkbar sei auch, dass dieselben Faktoren, die Hyperaktivität und Impulsivität mitbedingen, Neugier und Kreativität begünstigen.

Eine weitere Möglichkeit ist eine positive Verzerrung der Selbstwahrnehmung (Positive Illusory Bias), die bei Kindern und Erwachsenen mit ADHS beschrieben wurde. Ob sie den hier gefundenen Zusammenhang erklärt, wurde bisher nicht untersucht.

Schließlich lassen sich symptombezogene Antwortverzerrungen nicht ausschließen. Auffällige hyperaktive und impulsive Symptome könnten stärker von sozialer Erwünschtheit beeinflusst sein als Unaufmerksamkeit.

Einordnung

Die Studie zeigt vor allem, dass Erwachsene mit ADHD ihre Diagnose sehr unterschiedlich bewerten. Die Gesamtwerte der PATAS streuten erheblich; in der ersten Stichprobe lagen sie zwischen 2 und 46 von maximal 52 Punkten. Nach Einschätzung der Autoren könnte die Skala künftig helfen, den Umgang mit der Diagnose zu erforschen.

Ob positivere Einstellungen das Wohlbefinden oder den Behandlungserfolg verbessern, hat diese Studie nicht geprüft. Für Betroffene heißt das: Die Ergebnisse beschreiben Gruppenmuster, nicht den Einzelfall. Fragen zur eigenen Diagnose oder Behandlung gehören in die Hände von Fachleuten.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Macht Hyperaktivität die Sicht auf ADHS positiver?
Das lässt sich aus der Studie nicht schließen. Sie zeigt einen Zusammenhang zwischen beiden Größen, wurde aber nur einmalig erhoben und stützt sich auf Selbstauskünfte.

Sind Menschen mit ADHS tatsächlich kreativer?
Das hat diese Studie nicht gemessen. Befragungen wie die von Schippers und Kollegen zeigen, dass sich viele Betroffene als kreativ erleben. Ob das objektiv zutrifft, ist nach der Darstellung der Autoren in Verhaltensstudien uneinheitlich, wobei divergentes Denken teils besser ausfiel.

Was misst die PATAS genau?
Sie erfasst, wie positiv jemand die eigene ADHS wahrnimmt, etwa mit Blick auf Kreativität, Energie und Resilienz. Sie misst weder Fähigkeiten noch Beeinträchtigung und stellt keine Diagnose.

Bedeutet eine weniger positive Sicht bei Unaufmerksamkeit, dass diese Menschen stärker leiden?
Das ist nicht belegt. Erhoben wurden Einstellungen und Symptomhäufigkeit, nicht Beeinträchtigung oder Wohlbefinden; Lebenszufriedenheit wurde nur bei 35 Personen erfasst. Der Zusammenhang mit Unaufmerksamkeit war zudem nur in einer Stichprobe klar.

Warum berichten die Autoren keine Signifikanztests?
Sie nutzten bayessche Statistik und geben stattdessen Kredibilitätsintervalle an. Ein 95-Prozent-Intervall beschreibt den Bereich, in dem der wahre Wert unter den Modellannahmen mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit liegt. Schließt es null ein, ist die Richtung des Zusammenhangs unsicher.

Quellen

Katabi, G., Huss, M., Lukito, S., Dekkers, T. J., Sonuga-Barke, E., & Shahar, N. (2026). ADHD individuals‘ positivity about their condition varies by their levels of hyperactivity/impulsivity versus inattention symptoms. Journal of Attention Disorders, 30(10), 1247–1261. https://doi.org/10.1177/10870547261463814

Schippers, L. M., Horstman, L. I., van de Velde, H., Pereira, R. R., Zinkstok, J., Mostert, J. C., Greven, C. U., & Hoogman, M. (2022). A qualitative and quantitative study of self-reported positive characteristics of individuals with ADHD. Frontiers in Psychiatry, 13, Article 922788. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2022.922788

Sedgwick, J. A., Merwood, A., & Asherson, P. (2018). The positive aspects of attention deficit hyperactivity disorder: A qualitative investigation of successful adults with ADHD. ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, 11(3), 241–253. https://doi.org/10.1007/s12402-018-0277-6

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